Na, heute schon inkulturiert?

Migranten sollen sich kulturell anpassen, heißt es. Aber wo ist die dafür nötige Kultur geblieben?

Von Stephan Baier

Das Praktische an Klischees ist, dass sie helfen, die Menschheit in Schubladen einzuteilen. Das Unpraktische an der Menschheit ist, dass sie nicht in Schubladen passt. Das ist zweifellos ein Defekt der Menschheit, nicht der Klischees. Ein Beispiel: Wenn der Chef der britischen Konservativen die „De-Machoisierung“ seiner Partei ausruft, dann stutzt der Kontinentaleuropäer. Aber zu Unrecht: Sicher gab es schon vor der Globalisierung britische Machos und spanische Gentlemen. Es gab auch immer schon Briten, die etwas von Käse und Rotwein verstanden, wie es Franzosen geben soll, die lieber Pfefferminz-Tee trinken. Ob das eine Folge des Sündenfalls ist, sei hier nicht das Thema. Dass mit der Globalisierung alles komplizierter geworden ist, aber schon. Der Ruf nach Inkulturation („Anpassen sollen sie sich halt, wenn sie schon herkommen!“) wirft nicht nur die Warum-Frage auf.

Woran soll sich einer anpassen? In welche Kultur sich inkulturieren? Wenn etwa der aus Sri Lanka stammende Hedge-Fonds-Manager Raj Rajaratnam in New York ein Milliarden-Vermögen gemacht und durch Insider-Geschäfte ein paar Milliönchen extra verdient haben soll (es gilt die Unschuldsvermutung), war er dann a) zu wenig, b) gerade richtig oder c) zu sehr inkulturiert? Wenn Syrien dem Vorbild Europas folgend ein Rauchverbot in Restaurants und Ämtern verhängt, das auch für Wasserpfeifen gilt, ist das dann a) fortschrittlich, b) touristenfeindlich oder c) diskriminierend, weil auch syrische Frauen gerne Wasserpfeife rauchen? Als in der Türkei ein empörter Gast einen Wirt wegen des Rauchverbots niederschoss: Wer von beiden war das Globalisierungsopfer? Wenn ein Perser in Paris oder ein Araber in Köln nicht mehr zwei Frauen gleichzeitig heiratet, sondern sich sieben Freundinnen hält und sie im Zweifelsfall zur Abtreibung drängt, ist er dann inkulturiert?

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