„Muslime sind eher bereit, getötet zu werden“

Erzbischof Leo Cornelio über die Verfolgung von Christen in Indien

Herr Erzbischof, was ist der Hintergrund der jüngsten Christenverfolgungen in Orissa und anderen Bundesstaaten sowie in Ihrer Diözese?

Die BJP (Indische Volkspartei) genießt die Unterstützung radikaler nationalistisch-hinduistisch gesonnener Gruppen. Sie haben den Regierungschef von Orissa in der Hand. Als Swami Laxmananda Saraswati am 23. August ermordet wurde, gab es eine lange Trauerprozession über eine Strecke von 130 Kilometern hin. Es kam zu Ausschreitungen, die Regierung sah tatenlos zu.

Wo stand Laxmananda politisch?

Seine Ermordung war nur der Funke ins Pulverfass. Er war ein Sadu, ein hinduistischer Heiliger. Er war Fanatiker, stand der BJP nahe. Er wollte dafür sorgen, dass das Christentum in den nächsten Jahren ausgelöscht würde. Im vergangenen Jahr hatte er an Weihnachten die Christenverfolgungen in Orissa angeschürt. Danach bekam er Todesdrohungen von Maoisten. Gerüchtweise wurde seine Ermordung Christen angehängt — eine Diffamierung. Jedenfalls breiteten sich die Unruhen schnell auch in anderen Bundesstaaten aus. Es gab Dutzende von Toten, viele Verletzte, Hunderte von Flüchtlingen und so weiter. In meiner Nachbardiözese wurde versucht, die Kathedrale von Jabalpur anzuzünden.

Mit welchem Ziel werden die Opfer diffamiert?

Das betrifft vor allem Muslime und Christen. Diese Religionen werden als Fremdkörper gesehen, die die indische Kultur und das indische Ethos bedrohten. Dagegen werden Buddhismus, Jainismus, die Sikhreligion und andere als Bestandteile des indischen Ethos betrachtet. Sie wollen einen hinduistischen Staat, in dem es keinen Raum mehr für Säkularismus und die multireligiöse, multikulturelle Gesellschaft gibt.

Entscheidet die Zugehörigkeit zu einer Religion des sogenannten indischen Ethos über kulturelle Identifikation?

Genau das. Aber das ist ein Unding. Die Bandbreite, der Reichtum und die Vielfalt in der indischen Kultur spricht dagegen. Eine Vielfalt von Sprachen, ethnischer Herkunft und eigenständiger Kulturen machen Indien als Nation aus. Das lässt sich nicht auseinanderdividieren. Wir haben es hier mit einer politischen Ideologie zu tun, mit der die BJP die Alleinherrschaft in Indien anstrebt und dafür Extremisten einspannt.

Kommt es nur in BJP-regierten Bundesstaaten zu Ausschreitungen gegen Minderheiten?

Überwiegend ja, mit gelegentlichen Ausnahmen.

Wird das Christentum oder der Islam von den hinduistischen Nationalisten als bedrohlicher gesehen?

Den Christen wird vorgeworfen, sie bekehrten Hindus. Wenn auf den Dörfern mittellose Menschen Christen werden, steht immer fest, dass sie mit Anreizen wie Geld, Bildung, medizinischer Versorgung geködert wurden. Für uns ist das ganz anders: Die Bibel, unsere Religion lehrt uns, den Armen, Bedürftigen und Benachteiligten zu helfen. Das Kastensystem ist nicht unantastbar. Wir bemühen uns vor allem um Bedürftige, Dorfbewohner und „Dalits“ (Unberührbare). Diese Menschen fragen sich dann, warum wir dies tun und wollen sie oft selbst Christen werden. Die Freiheit dazu gehört ihnen. Falls beim Religionswechsel Anreize im Spiel sind, gibt es Gesetze dagegen. In Orissa nehmen sie aber das Gesetz selbst in die Hand und versuchen, zum Christentum Konvertierte mit Gewalt zum Hinduismus zurückzuholen. Man zwingt sie, sich den Kopf kahl zu rasieren oder Kuhurin zu trinken. Die Kuh ist ja heilig?

Kuhurin trinken? Gibt es das als Ritual?

Nein. Natürlich nicht. Das ist einfach frei erfunden. Es geht ums Demütigen. Es gilt nur die Macht des Stärkeren. Wer nicht zum Hinduismus zurückkehrt, wird umgebracht.

Wie wird der Islam gesehen?

Der Islam wird ganz anders wahrgenommen. Im Unterschied zu den Christen wehren sich die Muslime sehr schnell gegen ihre Verfolger. Sie sind bereit zu töten und getötet zu werden und gelten deshalb als militant. Physische Gewalt macht Angst.

Werden Christen generell wegen der Nachhaltigkeit ihrer „soft power“ als bedrohlich erlebt?

Durchaus. Wir streben eine Gesellschaft ohne das hinduistische Kastensystem an. Wir bieten den Bedürftigen Bildung an. Wir wenden uns ländlichen Gebieten zu. Wir bemühen uns, ihnen zu Selbstvertrauen zu verhelfen. Dabei befreien sie sich aus traditioneller Unterwürfigkeit gegenüber den Reichen und Mächtigen. Anders in den Städten, wo unsere Schulen und Krankenhäuser beliebt sind. Über 80 Prozent der Schüler sind keine Christen, die Mehrheit davon Hindus. Unsere Krankenhäuser haben den höchsten medizinischen Standard. Wir machen gute Sozialarbeit.

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