„Muslime denken an die Rechte Gottes, nicht des Menschen“

Monsignore Joachim Schroedel, Nahostbeauftragter der deutschen Bischöfe, über die Lage der Christen in Ägypten

Sie haben Ihren Sitz in Kairo. Ihr Zuständigkeitsbereich erstreckt sich aber auch auf Jordanien, Syrien und den Irak. Haben Christen und das Christentum in Nahost Zukunft?

Es ist keine Frage, dass die Lage schwierig ist. Gerade im Irak ist sie gegenwärtig wenigstens in den nicht kurdischen Gebieten unerträglich. Dennoch vertrete ich den Standpunkt, dass man die Christen vor Ort unterstützen muss. Bei aller Wichtigkeit von humanitärem Asyl für irakische Christen etwa: Den Nahen Osten, die Wiege des Christentums, durch Auswanderung christenfrei zu machen, halte ich für die falsche Überlegung. Außerdem muss man sehen, dass Christen nicht überall verfolgt werden wie im Irak. In vielen Ländern haben sie aber mit Diskriminierung und Benachteiligung zu kämpfen.

Wie beispielsweise in Ägypten?

Ja. Seit ältesten Zeiten leben hier koptische Christen. Ägypten hat einen Christenanteil von etwa zehn Prozent. Das ist im arabischen Vergleich sehr hoch. Zumeist ist das Zusammenleben friedlich. Es gibt aber dennoch Dinge wie Zwangskonversionen von Christen zum Islam. Es sind aber vor allem wirtschaftliche Gründe, die Christen dazu bewegen, das Land zu verlassen.

Aber gibt es nicht auch in Ägypten seit Jahren zunehmende islamistische Tendenzen, die Christen das Leben schwer machen?

Ja, die gibt es auch. Grundsätzlich ist die ägyptische Bevölkerung aber sehr offen. Sie ist regelrecht neugierig auf das Fremde. Auch dem Christentum ist sie nicht von vornherein negativ gesonnen. Wer aber einen schwachen oder gar keinen Glauben hat, der wird bei Muslimen auf wenig Verständnis stoßen. Vor allem als säkularer Mensch hat man es schwer. Für Muslime ist der Mensch ein homo naturaliter religiosus, ein von Natur aus religiöses Wesen.

Aber wie sieht denn Benachteiligung im ägyptischen Alltag aus?

Beispielsweise stehen Christen nicht alle Staatsämter zur Verfügung. So sind das Amt des Staatspräsidenten und bestimmte höchste Richterämter Muslimen vorbehalten. Außerdem sitzen im Parlament kaum Christen. Und die wenigen, die es gibt, sind vom Staatspräsidenten ernannt. Dass es aber so wenige Christen in herausgehobenen Ämtern gibt, hat auch mit deren schlechter Bildung zu tun. Die koptische Kirche ist eine Kirche der Liturgie, nicht so sehr der Bildung und des Sozialen. Die mit Rom unierten Kopten hingegen unterhalten 160 Schulen im Land, und da gehen nicht nur Katholiken hin. Die Schule der Borromäerinnen in Kairo etwa, eine deutsche Gründung, wird zu 80 Prozent von Muslimen besucht.

Wirkt sich das positiv auf die Beziehungen aus?

Ja, sehr. Das Christentum gewinnt dort an Akzeptanz. Neben der Qualität etwa der deutschen katholischen Schule in Kairo, wo etwa die Kinder vieler hoher Militärs unterrichtet werden, weiß man auch das Wertefundament zu schätzen, das dort gelegt wird. Allerdings wird dort keine Mission im engeren Sinne betrieben. Denn immer noch wird in Ägypten Abfall vom Islam gemäß dem Schariarecht mit dem Tod bestraft.

Sehen Sie denn im Islam das theologische Potenzial für echte Religionsfreiheit?

Nein. Natürlich werden solche Fragen auch diskutiert. Die Gelehrten der Kairoer Al-Azhar-Universität kennen die westlichen Theorien zu Toleranz und Religionsfreiheit. Aber sie können sie nicht annehmen. Muslime denken nur an die Rechte Gottes, nicht an die Rechte des Menschen.

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