Wien

Mogelpackung „Ethik für alle“

Es ist ein Skandal, dass in Österreich das Fach „Ethik“ mehr als 20 Jahre als Schulversuch in Reservate gesperrt war. Ethik als Pflichtfach für alle Schüler der Oberstufe ist zwar zu begrüßen. Das sollte aber nicht dazu führen, dass sich Schüler vom Religionsunterricht abmelden.

Ethikunterricht in Österreich
Eine Initiative „Ethik für alle“ fordert nun in Österreich, dass alle Schüler aller Schulstufen ungeachtet ihrer Konfessionszugehörigkeit in den Genuss von „Ethik“ kommen sollen. Foto: Wolfram Kastl (dpa)

Junge Menschen wollen nicht nur wissen, wie das Leben praktisch funktioniert, sondern warum überhaupt etwas ist, und nicht vielmehr nichts, was das Ziel der menschlichen Existenz im Allgemeinen und der Sinn ihres Lebens im Besonderen ist. Sie stellen – mitunter permanent – die Sinnfrage, für die viele Erwachsene zu „pragmatisch“ (abgestumpft, desillusioniert, deprimiert, abgelenkt) sind. Sie brauchen deshalb auch Schulfächer, die ihnen die Schatztruhe menschlichen Nachsinnens über die großen Fragen humaner Existenz und den Weisheitsschatz des Ringens um ein gelingendes Leben öffnen.

Ethik ab September als Pflichtfach

Darum ist es ein Skandal, dass in Österreich das Fach „Ethik“ mehr als 20 Jahre als Schulversuch in Reservate gesperrt war. Es ist zu begrüßen, dass man jetzt endlich ab September Ethik als Pflichtfach für alle Schüler der Oberstufe einführt, die keinen konfessionellen Religionsunterricht besuchen. Wenn Ethik zu selbstständigem Denken anleitet, kritische Reflexion schult und die richtigen Fragen stellt, ist sie ein Gewinn in dieser Zeit vernunftbefreiter, oberflächlicher und hysterischer Debatten.

Eine Initiative „Ethik für alle“ fordert nun, dass alle Schüler aller Schulstufen ungeachtet ihrer Konfessionszugehörigkeit in den Genuss von „Ethik“ kommen sollen. Ein entsprechendes Volksbegehren, das in der kommenden Woche unterschrieben werden kann, soll dem Nachdruck verleihen. Das klingt logisch, ist es aber nicht. Nicht nur, weil allen Kindern und Jugendlichen, die den Religionsunterricht besuchen, eine weitere Stunde aufgebürdet wird – und sie so motiviert werden (sollen), sich vom fakultativen Reli-Unterricht abzumelden, sobald Ethik obligatorisch ist. Sondern vor allem, weil der Religionsunterricht heute weithin Ethikunterricht ist. Die Interessen eines inspirierenden Ethikunterrichts decken die meisten Religionsstunden ab, die Ziele konfessioneller Wissensvermittlung dagegen eher selten.

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