Aachen

Misereor lobt Fluchtursachen-Bericht

Das Bischöfliche Hilfswerk Misereor sieht den Bericht der Fluchtursachen-Kommission positiv. Ein Gastbeitrag.

Migranten in Spanien
Der Flüchtlingsstrom ist nicht versiegt. Das zeigte sich zuletzt an der spanischen Küste zu Marokko in Ceuta. Hier drängen spanische Polizisten Flüchtlinge zurück in Richtung Grenze. Foto: Bernat Armangue (AP)

Im Auftrag der Bundesregierung hat die Fachkommission Fluchtursachen Vorschläge erarbeitet, wie die Bundespolitik künftig mit Migration umgehen sollte. Misereor sieht in dem Abschlussbericht der Kommission einen wichtigen Beitrag zur Versachlichung der Debatte um Einwanderung und Flucht und unterstützt die darin enthaltenen Forderungen. Es ist positiv, dass damit der Blick über Europa hinaus auf strukturelle Gründe für Migration gelenkt wird.

Leider oft unscharfer Begriff

„Fluchtursachen“ ist ein Begriff, der erst nach dem Jahr 2015 im politischen Raum gängig wurde. Leider ist er oft unscharf. Vielfach werden mit diesem Wort Gründe vermischt, die Menschen zum Verlassen ihrer Heimat zwingen: Flucht vor Krieg, Verfolgung und Gewalt, ebenso Migration aufgrund fehlender Perspektiven, fehlender Arbeit, der Folgen des Klimawandels, schlechter Regierungsführung. Krieg und Gewalt erfordern aber andere Antworten als ein Fluchtgrund wie Perspektivlosigkeit. Wieder etwas anderes ist es, den Klimawandel einzudämmen oder einem Ausbildungsdefizit zu begegnen. Wenn solch verschiedenartige Hintergründe allesamt unter „Fluchtursachen“ zusammengefasst werden, ist es schwierig, auf diese mit einem pauschalen politischen Programm zu antworten.

Es gibt die falsche Vorstellung, dass man nur genügend Entwicklungszusammenarbeit finanzieren müsse, damit Menschen in benachteiligten Weltregionen in ihren Heimatorten bleiben. Es ist komplizierter. In Misereor-Projekten sehen wir, dass Migration nur zu gestalten ist, wenn drei Dinge beachtet werden: Dass man erstens in Ländern mit hoher Armutsquote Perspektiven schaffen und entwickeln, und dass man zweitens dennoch mit Migrationsbewegungen umgehen muss. Sie wird es weiter geben, und die Herausforderung besteht darin, sie so sicher und geordnet wie möglich zu gestalten. Drittens ist zu bedenken, dass mit dem Themenfeld „Fluchtursachen“ auch die Frage nach unserer eigenen Verantwortung gestellt wird. Unser Konsumverhalten, unser Flächenverbrauch, unsere Art des Wirtschaftens, nicht zuletzt unsere Rüstungsexporte, haben negative Konsequenzen nicht nur bei uns, sondern ebenso in anderen Teilen der Welt.

Bessere Versorgungsstrukturen in den Herkunfstländern

Die Fachkommission trägt dem in ihrem Bericht Rechnung. Nach Jahren, in denen in Europa auf Migration vor allem mit Krisenmanagement reagiert wurde, ist es an der Zeit, sich sachlich und mit umfassenden Konzepten des Themas anzunehmen. Die Konzentration auf den Schutz der EU-Außengrenzen und den Ausbau der dafür zuständigen Agentur Frontex greift zu kurz. In den Herkunfts- und Erstaufnahmeländern müssen bessere Strukturen der Versorgung entstehen, wir brauchen einerseits Basisdienstleistungen für Bildung und Ausbildung, für Job-Perspektiven und ausreichende gesundheitliche Betreuung. Andererseits sind als Alternative legale und geordnete Wege nach Europa zu eröffnen. Eine Möglichkeit im Kontext von Krisen und Konflikten ist überdies die direkte humanitäre Aufnahme, bei der Menschen sich gar nicht erst auf weite Fluchtrouten begeben müssen.

Wichtig und oft vergessen sind Binnenvertriebene im eigenen Land – sie stellen die weltweit größte Gruppe an Geflüchteten dar. Binnenvertriebene erleben oft, dass die eigene Regierung Kriege oder Krisen selbst (mit)auslöst – etwa in Syrien, im Kongo oder in Venezuela. In solchen Fällen sind Hilfsbedürftige sehr viel schwieriger über internationale Organisationen zu erreichen als Vertriebene, die in Nachbarländer fliehen. Und zu ihren Gunsten müssen sehr gezielt lokale Hilfsorganisationen in ihrer Arbeit unterstützt werden.

Von den über 150 laufenden Misereor-Projekten im Bereich Migration und Flucht ist die Mehrzahl ausgerichtet auf intern Vertriebene, die weder den gleichen internationalen Schutz genießen wie andere Vertriebenen-Gruppen, noch in vergleichbarer Weise versorgt werden. Hier ist ein verstärktes Engagement der internationalen Gemeinschaft nötig.

Auch der Klimawandel ist Fluchtursache

Mehr in den Fokus müssen Menschen genommen werden, die sich trotz großer Not gar nicht erst auf den Weg machen können. Die zu arm, zu gebrechlich oder zu wenig vernetzt sind, um Konflikten oder Perspektivlosigkeit zu entkommen. Die deutsche Öffentlichkeit schaut vor allem auf Menschen, die das Mittelmeer überqueren oder an den Außengrenzen Europas stranden. Sie gilt es menschenwürdig zu behandeln, es müssen Schutz und faire Verfahren gewährleistet werden.

Darüber hinaus darf man aber nicht vergessen, dass es ebenso Binnenvertriebene oder notleidende Menschen in ihren jeweiligen Heimatländern gibt, die in ganz ähnlicher Weise Betroffene sind.

Nicht zuletzt ist der Klimawandel eine Fluchtursache. Es gibt schon heute Menschen im globalen Süden, die aus diesem Grund vertrieben werden, die ihre Lebensgrundlage und ihr Lebensmodell verlieren. Sie fliehen in der Regel nicht über große Entfernungen, dazu haben sie meist nicht die Mittel. Misereor setzt sich diesbezüglich für regional angepasste Schutzmechanismen und die Schaffung von neuen Zukunftsperspektiven vor Ort ein.

Der Bericht der „Kommission Fluchtursachen“ formuliert sinnvolle Forderungen an eine neue Bundesregierung. Die wichtigste Erkenntnis aber bleibt, dass angesichts der großen Herausforderungen unserer Zeit der Blick nicht am eigenen Gartenzaun enden darf, sondern in die gesamte Welt gehen muss. Papst Franziskus benennt dies mit dem Satz, „ein offenes Herz für die ganze Welt“ zu pflegen.

Es geht nur gemeinsam und in Partnerschaft.  Wir alle tragen Verantwortung dafür, dass jeder Mensch in Würde und Sicherheit leben kann.

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Der Autor ist katholischer Priester. Er arbeitet als Hauptgeschäftsführer und Vorstandsvorsitzender des Bischöflichen Hilfswerkes Misereor.

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