Mehr Umsatz und Gewinn durch schlechte Qualität

Immer mehr Hersteller konstruieren Haushalts- und Elektro-Geräte mittlerweile so, dass sie vorzeitig verschleißen. Von Reinhard Nixdorf

Viele haben es schon vermutet, inzwischen lässt sich der Verdacht belegen: Manche Hersteller bauen Produkte so, dass sie frühzeitig nicht mehr funktionieren, durch neue Produkte ersetzt werden müssen und das Geschäft so in Gang bleibt. Dies geht aus einer Studie hervor, die die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen vor kurzem unter dem Titel „Geplante Obsoleszenz“ vorgestellt hat. In großer Zahl werden Produkte aufgelistet, die geplant früher kaputt gehen, als sie müssten: Waschmaschinen, deren Heizstäbe verdächtig schnell durchrosten, Schuhe mit auffällig rasch abgelaufenen Sohlen, Drucker, die nach einer bestimmten Zahl von Ausdrucken aufhören, zu arbeiten.

Vorzeitiger Verschleiß, „geplante Obsoleszenz“ liegt vor, wenn „Produktentwicklung und Qualitäten unterlassen werden, die sonst unter gleichen Kosten möglich wären und zu Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Nutzbarkeit führen würden“, sagte Stefan Schridde, Betriebswirt und Mitautor der Studie, gegenüber dieser Zeitung. „Wenn etwa ein Elektrolytkondensator, der das Produkt zehn Jahre länger leben lassen würde, nicht eingebaut wird, obwohl er höchstens einen Cent mehr kostet, muss man von grober Fahrlässigkeit sprechen.“ Die Autoren der Studie rechnen hoch, dass die Kaufkraft in Deutschland ohne diesen geplanten Verschleiß jährlich um 137 Milliarden Euro steigen könnte. Die Industrie weist den Vorwurf von sich: „Von geplanter Obsoleszenz kann bei Hausgeräten nicht die Rede sein“, sagt Werner Scholz vom Zentralverband der Elektroindustrie (ZVEI). Elektro-Hausgeräte seien langlebig: Von 180 Millionen in deutschen Haushalten eingesetzten Elektro-Hausgeräten seien fast 75 Millionen älter als zehn Jahre, 31 Millionen vierzehn Jahre oder länger im Einsatz.

Unsinnige Verschwendung und dreistes Management

Was den Verdacht geplanten vorzeitigen Verschleißes heute gefertigter Geräte nicht widerlegt: Vor zehn Jahren wurden Elektrogeräte solider gebaut. Zahnräder von Mixern bestanden aus Metall, heute ist es Plastik. Und diese Rädchen nutzen sich rascher ab oder werden vom Schmiermittel zerfressen. Bei Waschmaschinen verschleißen Heizstäbe durch Materialermüdung, ebenso wie Kugellager. Passiert dies nach weniger als fünf Jahren, spricht die Studie von „gewollter Unterlassung“. Oft seien Stoßdämpfer, die die Rotationskräfte der Waschtrommel abfangen sollen, für hohe Drehzahlen nicht ausgelegt: Viel zu hohe Kräfte wirken auf die Kugellager. Dies lässt sich zwar reparieren. Konnten die Lager aber früher in zwei Stunden an Ort und Stelle ausgetauscht werden, ist dies heute komplizierter und teurer. Teurere Reparaturen führen aber letztlich zu einem wirtschaftlichen Totalschaden und verkürzen die Nutzungsdauer. Zumal sich Ersatzteilwucher breit macht. „Eine Laugenpumpe kostet den Hersteller nicht einmal drei Euro, wird aber für sechzig Euro und mehr verkauft“, berichtet Stefan Schridde. Versuche, die Lebensdauer von Produkten systematisch zu verkürzen, sind nicht neu. 1924 einigten sich die großen Hersteller von Glühbirnen, deren Lebensdauer von 2 500 auf tausend Stunden zu begrenzen. Vorgeschobener Grund: Nach mehr als tausend Stunden sei das Licht nicht mehr optimal.

Wie lange eine Glühbirne tatsächlich hält, zeigt die Glühbirne in der Feuerwache im kalifornischen Livermore: Seit 1901 verbreitet sie Licht. Für Aufsehen sorgte auch der festinstallierte Akku in iPod-Musikspielern des Computerherstellers Apple, dessen Lebensdauer vorsätzlich auf achtzehn Monate begrenzt wurde. Damit ging Apple zu weit, eine Sammelklage wurde eingereicht. Man einigte sich außergerichtlich. Apple richtete einen kostenfreien Austauschservice ein, die Garantie der Akkus wurde auf zwei Jahre verlängert. Doch Technik steigt selbst dann aus, wenn sie noch komplett funktionsfähig ist – etwa bei Tonerkartuschen für Laserdrucker, wo nach fünfzehntausend Seiten die Meldung kam, die Kartusche sei leer. Tatsächlich ließen sich noch fünfzigtausend zusätzliche Seiten drucken. Die Meldung lieferte ein eingebautes Zählwerk, das nur dazu da war, vorzeitig den Kauf neuer Kartuschen auszulösen. Als es auf Null zurückgestellt war, arbeitete der Drucker weiter. Besonders groß sei der Trend zu vorzeitigem Verschleiß bei Betrieben, die schnellen Gewinn wollen, meint Stefan Schridde – im Gegensatz zu inhabergeführten, mittelständischen Betrieben, denen die Güte ihrer Produkte und ihre Reputation wichtiger sei. Auch mache sich „Kopierverhalten“ breit: „So finden sich die eingebauten Fehlerstrategien, die wir beim Drucker sehr gut kennen, mittlerweile auch bei Kaffeemaschinen.“

Geräte können verschleißen – aber wenn Hersteller das extra so planen, um ihren Gewinn zu erhöhen, kann das als gut getarnter Betrug bezeichnet werden. Von außen sehen die Geräte tadellos aus, der geplante Defekt im Inneren ist kaum zu erahnen. Politischen Handlungsbedarf gibt es allemal: Warum nicht die Gewährleistungsfrist von zwei auf fünf Jahre verlängern? Hersteller, die Vertrauen in ihr Produkt haben, bieten das schon freiwillig an. Und: Wie wäre es mit Vorschriften zur Reparaturfähigkeit von Geräten?

Wenn sich defekte Akkus aus Handys nicht mehr lösen lassen, wird ihre Lebenszeit zur Lebenszeit des Gerätes – eine Riesenverschwendung und ein echtes Umweltproblem. Stefan Schridde betreibt im Internet die Seite „Murks, nein Danke“. Dort kann jeder über schlechte Erfahrungen berichten, die er mit Herstellern und deren Geräten gemacht hat. Demnächst soll ein „Murkseum“ besonders drastische Fälle unsinniger Ressourcenverschwendung und dreisten Managements sammeln.

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