München

Markus Söder: Vom Rabauken zum Krisen-Manager

Markus Söder startet durch. Wofür steht er und was hat er mit der CSU vor? Interview mit Söder-Biograph Roman Deininger.

Die Zukunft des Markus Söder
Wo er auch hingeht, seine Partei scheint ihm mehr oder weniger geschlossen zu folgen. Ob das Verhältnis zwischen Markus Söder und CSU so bleibt? Wie es ausgeht, könne man noch nicht sagen, meint Roman Deininger. Foto: Peter Kneffel (dpa-Pool)

Herr Deininger, Markus Söder gilt plötzlich allerorten als der neue Polit-Superstar. Gute Umfragewerte, unumstritten als Ministerpräsident und CSU-Vorsitzender. Manche sehen ihn schon in Berlin als Kanzler. Ein Höhenflug oder doch eine dauerhafte Entwicklung?

Das Kanzleramt ist in Söders Karriereplan eigentlich nicht vorgesehen, aber je mehr Zustimmung er bekommt, desto größer wird die Versuchung. Die Corona-Krise könnte für ihn der identitätsstiftende Moment sein, der seiner Karriere bisher gefehlt hat. Die Bekämpfung des Virus hat auf bundesweiter Bühne seine Stärken ausgeleuchtet: Entschlossenheit, klare Kommunikation, pragmatische Problemlösung. Aber noch ist die Krise nicht vorbei. Söders Talente eigneten sich perfekt, die Gesellschaft in den Lockdown zu führen – sie wieder herauszuführen, dürfte ihm schwerer fallen. Er muss jetzt Ungeduld und widerstrebende Interessen moderieren.

Söder gehört seit gut zwei Jahrzehnten zum politischen Spitzenpersonal in Bayern. Warum erlebt er diesen identitätsstiftenden Moment erst jetzt?

Früher stellte sich bei Söder immer die Frage, was wirklich echt ist – und was er nur aus Taktik macht. Der Verdacht, sich bloß profilieren zu wollen, war sein ständiger Begleiter. In der Corona-Krise nehmen ihm viele Leute wohl ab, dass seine erste Motivation es schlicht ist, Menschen zu schützen. Natürlich will er dabei auch als starker Krisenmanager rüberkommen. Aber Zustimmungswerte von 90 Prozent würde er nicht bekommen, wenn die Leute ihn auf einem Ego-Trip wähnten.

Noch vor zwei Jahren war das öffentliche Bild von Markus Söder ganz anders. Sowohl der Kreuz-Erlass als auch der Asylstreit in der Union ließen Kritiker das Bild eines skrupellosen Machtpolitikers  zeichnen, der eigentlich keine Überzeugungen habe und nur auf Trends schiele. Heute sehen teilweise die gleichen Leute in ihm plötzlich den vorbildlichen Umweltpolitiker. Hat er sich tatsächlich gewandelt oder dominieren eben jetzt nur andere Trends?

"Söder war im Sommer 2018 clever genug zu merken,
dass ihm sowohl der Kreuz-Erlass wie auch der Asylstreit
nicht dabei helfen würden, die Landtagswahl zu gewinnen"

Es gibt da einen schönen Satz vom ehemaligen CSU-Chef Erwin Huber: „Den Ergebnissen ist die Motivation wurscht.“ Söder war im Sommer 2018 clever genug zu merken, dass ihm sowohl der Kreuz-Erlass wie auch der Asylstreit nicht dabei helfen würden, die Landtagswahl zu gewinnen. Er hat Fehler gemacht, sie dann aber korrigiert. Söder hat damals gelernt, dass die CSU Wahlen in der Mitte gewinnt. Ihre Wählerschaft ist ja breiter, als man das außerhalb Bayerns oft annimmt: Da gibt es die Hausfrau, die sich in der Flüchtlingshilfe engagiert, genauso wie den Rechtskonservativen, der Grenzzäune bauen will. Um eine Mehrheit zu erreichen, muss die CSU alle ansprechen. Und noch eine Einsicht hat Söder ereilt: Dass die Themen Ökologie, Klimawandel und Nachhaltigkeit im Mainstream der Gesellschaft angekommen sind. Sein Schluss: Wenn die CSU ihre Vormachtstellung nicht verlieren will, muss sie diese Themen besetzen.

Es ist also doch eher Taktik als echte Überzeugung, wenn Söder seiner Politik diesen grünen Anstrich verpasst?

Söder sagt ja selbst oft: Man darf niemand daran hindern, klüger zu werden. Vielleicht hat er sich da auch etwas von seinem neuen Freund Winfried Kretschmann aus Baden-Württemberg abgeschaut. Kretschmann bringt Konservatismus und Ökologie sehr stimmig zusammen – die Schöpfung bewahren wollen, das ist ein Gedanke, mit dem womöglich auch traditionelle CSU-Leute etwas anfangen können.

Mutet Söder seiner Partei zu viele Veränderungen zu? Besteht nicht die Gefahr, dass er das Profil verwässert und Stammwähler plötzlich ihre CSU nicht mehr wiedererkennen?

"Söder rennt gerade mit der Fahne voraus,
und Teile der CSU tun sich schwer, hinterherzukommen"

Söder rennt gerade mit der Fahne voraus, und Teile der CSU tun sich schwer, hinterherzukommen. Aber auch da beruft sich Söder auf sein Idol Franz-Josef Strauß. Mit dem Vergleich will er sich natürlich schmücken, aber es ist schon etwas dran: Auch der in vielen Dingen liberale Strauß hat der konservativen CSU-Stammklientel einst schwerwiegende Reformen zugemutet. Zum Beispiel die Abschaffung der Konfessionsschulen. Strauß hatte in den 60er-Jahren erkannt, dass die Gesellschaft als Ganze in dieser Frage bereits weiter war als manche in seiner Partei. Bei solchen Entscheidungen war er schmerzfrei: „Konservativ heißt, an der Spitze des Fortschritts marschieren.“ Und so versucht Söder das jetzt auch mit der Ökologie. Die Christsozialen sollen auf einmal die besseren Grünen sein. Ein bisschen dreist, aber solcher Pragmatismus hat die CSU historisch gesehen zur erfolgreichsten Partei Europas gemacht, neben der Südtiroler Volkspartei.

Viele hatten die Volkspartei schon totgesagt. Ist die CSU ein Beispiel dafür, dass dieses Modell doch noch Zukunft hat.

Die CSU hat von allen deutschen Volksparteien die beste Chance, es auch zu bleiben. Der Bayern-Mythos ist dabei ein Vorteil. Es herrscht zwar auch im Freistaat nicht mehr die Vorstellung, dass das schöne Bayern zu gleichen Teilen vom lieben Gott und der CSU geschaffen wurde. Aber der Erfolg Bayerns wird schon noch mit der CSU verbunden. Insofern ist es sicher leichter, in einem einzigen Bundesland Volkspartei zu sein als in 16. Wichtig ist auch ein anderer Punkt: Die CSU wird außerhalb Bayerns oft als konservative, fast reaktionäre Partei abgetan, als Versammlung polternder Alm-Öhis. Aber das ist ein Zerrbild. Die Stärke der CSU war immer ihre Breite, sie wurzelt in allen sozialen Schichten, sie vereint Arbeiter und Unternehmer. Die deutlichere Betonung des Sozialen unterscheidet sie auch heute von der CDU. In der CSU gab es immer einen liberalen Flügel, repräsentiert etwa durch Theo Waigel, Alois Glück oder heute Manfred Weber.

Welche Bedeutung hat das „C“ für die Partei noch? Wenn Markus Söder die Schirmherrschaft bei „Deutschland betet“ übernimmt, ist das echt oder auch nur ein PR-Gag?

"So weit man das von außen überhaupt bewerten kann,
scheint aber Söder der Glaube tatsächlich wichtig zu sein"

Soweit man das von außen überhaupt bewerten kann, scheint Söder der Glaube tatsächlich wichtig zu sein. Im deutschen Vergleich sticht er als ein Politiker hervor, der seine Religion sehr offensiv an die Öffentlichkeit trägt. Das ist ja in den USA viel verbreiteter. Meine persönliche Meinung ist, dass er manchmal arg dick aufträgt, aber das ist natürlich Geschmackssache. Davon unabhängig: Die Programmatik der CSU ist bis heute von der katholischen Soziallehre geprägt. Die Kontakte in die Kirchen haben dagegen über die Jahrzehnte gelitten. Was Söder nach dem Kreuz-Erlass erst lernen musste: Die Menschen, die sich den Kirchen verbunden fühlen, sind nicht mehr automatisch CSU-Wähler.

Sie sind nicht mehr als ein homogener Block ansprechbar. Gerade aus Kirchen-nahen Milieus kam ja die schärfste Kritik an diesem plumpen Versuch der Vereinnahmung. Inzwischen bemüht sich Söder um Annäherung. So ist ja etwa die ehemalige evangelische Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler Vorsitzende des bayerischen Ethikrates geworden.

Die CSU hatte immer auch eine Bedeutung über Bayern hinaus. Nicht zuletzt hat sie so auch konservative Wähler in die CDU gebunden, die lieber bei der CSU ihr Kreuzchen gemacht hätten. Weil das aber in ihrem Bundesland nicht ging, haben sie die Schwestepartei gewählt. Bei diesen Wählern gab und gibt es auch immer den Traum von der bundesweiten Ausdehnung der CSU. Realistisch?

Der Erfolg der CSU liegt wesentlich darin, dass sie sich auf Bayern beschränkt und in Berlin und Brüssel als Vertreterin bayerischer Interessen auftreten kann. „Beute machen für Bayern“, lautet oft das Motto. Bei der Durchsetzung dieser Interessen nimmt die CSU schon mal die halbe Republik in politische Geiselhaft, wie etwa bei der PkW-Maut. Die CDU ist sicher oft genervt von der kleinen Schwester, aber sie weiß auch, dass sie die CSU braucht. Nur gemeinsam können CDU und CSU im Bundestag deutlich stärkste Fraktion werden. Und die CSU weiß umgekehrt, dass eine bundesweite Ausdehnung mit der Gründung einer bayerischen CDU beantwortet würde. Eine Bayern-CDU könnte durchaus fünf bis zehn Prozent bekommen. Dieses Risiko ist der CSU zu hoch..

Ist Markus Söder der unangefochtene Parteiführer? Ist er auf dem Weg zum Franz Josef Strauß 2.0?

Als starker Mann der Partei ist Söder derzeit ohne Konkurrenz. Inhaltlich ist trotzdem ein gewisses Grummeln zu vernehmen. Nicht wenige CSU-Mitglieder finden, er übertreibt es mit dem Grün-Kurs und vernachlässigt die Bauern, früher ein Kernklientel. Mit seinen Ideen zur Frauenförderung ist er beim Parteitag nicht durchgekommen. Das sind Debatten, die nur im Moment wegen Corona auf Eis liegen.

 

Zur Person:

Roman Deiniger
Roman Deiniger Foto: C,H.Beck/Jacob Berr

Roman Deininger arbeitet als politischer Reporter für die Süddeutsche Zeitung. Seit vielen Jahren verfolgt der gebürtige Ingolstädter das politische Leben in Bayern. Nun erschien von ihm „Die CSU – Bildnis einer speziellen Partei“ (C.H. Beck). Bereits 2018 hat er zusammen mit Uwe Ritzer eine Biographie des bayerischen Ministerpräsidenten vorgelegt: „Markus Söder – Politik und Provokation“ (Droemer Knaur). Deininger, Jahrgang 1978, hat in München, Wien und New Orleans ein Politik- und Theaterstudium absolviert, er wurde promoviert mit einer Arbeit über das Verhältnis von Politik und Religion in den USA. Für die SZ hat er bereits unter anderem als Korrespondent für Franken und politischer Korrespondent für Baden-Württemberg gearbeitet.