Mahnwache der Muslime in Berlin

Politiker, Verbände und Gewerkschaften versammeln sich, um ein Zeichen für Toleranz und Weltoffenheit zu setzen
Foto: dpa | Mit dem Bleistift gegen Gewalt: Tag für Tag protestieren in zahlreichen Städten tausende Menschen gegen Terrorismus.
Foto: dpa | Mit dem Bleistift gegen Gewalt: Tag für Tag protestieren in zahlreichen Städten tausende Menschen gegen Terrorismus.

Berlin/Köln (DT/dpa/KNA) Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) und mehrere Minister nehmen an diesem Dienstag an einer Mahnwache unter dem Motto „Zusammenstehen – Gesicht zeigen“ für Toleranz und Weltoffenheit in Berlin teil. Das bestätigte der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter am Montag. Zu der Kundgebung in Gedenken an die Opfer der Terroranschläge von Paris haben der Zentralrat der Muslime in Deutschland und die Türkische Gemeinde Berlin aufgerufen. Sie soll um 18.00 Uhr am Brandenburger Tor stattfinden. Teilnehmen wollen auch Spitzenvertreter der Bundestagsparteien und Fraktionen, wie auch mehrere Verbände, Gewerkschaften und gesellschaftliche Gruppen.

Gabriel hatte zuerst eine eigene Großkundgebung angeregt und mit diesem Vorpreschen für Verstimmung gesorgt. Er und Merkel verständigten sich dann darauf, sich der bereits geplanten Mahnwache anzuschließen, wie es in Koalitionskreisen hieß. SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi sagte, die gefundene Lösung zeige auch, dass man an der Seite der deutschen Muslime stehe. Fahimi sieht in der geplanten Großkundgebung gegen islamistischen Terror in Berlin einen wichtigen „überparteilichen Schulterschluss“. „Wir wollen damit deutlich machen, dass wir uns nicht auseinanderdividieren lassen“, sagte sie am Montag in Berlin.

Auch mehrere CSU-Politiker werden an der Mahnwache der Muslime in Berlin teilnehmen. Parteichef Horst Seehofer sagte am Montag, für die CSU seien Generalsekretär Andreas Scheuer, Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt und die drei CSU-Bundesminister dabei. Auch viele weitere Bundesminister, Partei- und Fraktionsspitzen wollen kommen.

Der bayerische Ministerpräsident sprach sich aus diesem Anlass dagegen aus, von den deutschen Muslimen einen herausgehobenen Beitrag zur Abgrenzung gegen den Terror zu verlangen. „Ich glaube, die Aufgabe ist eine gemeinsame: Gegen Polarisierungen, gegen Fanatismus, gegen Radikalisierungen zu sein“, sagte Seehofer. „Ich bin jetzt dagegen, dass wir einzelnen Gruppen eine besondere Verantwortung zuweisen.“ Er sei sehr dankbar, dass die Vertreter der Muslime sich gerade in Bayern sehr früh nach den Terroranschlägen in Paris klar distanziert hätten.

Seehofer forderte gleichzeitig die Organisatoren der islamkritischen Pegida-Kundgebungen erneut auf, die Demonstrationen auszusetzen. „Wir haben unzweifelhaft durch diese schrecklichen Ereignisse in Paris eine neue Situation“, sagte der CSU-Chef. „Ich denke, in einer solchen Nähe zu diesen Ereignissen ist es schon angebracht, dass die Verantwortlichen von Pegida jetzt jedenfalls für einige Zeit ihre Demonstrationen aussetzen.“

Kirche widerspricht Menschenfeindlichkeit

Unter dem Eindruck der islamistischen Terroranschläge in Paris hat auch der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, vor einer generellen Verunglimpfung des Islams gewarnt. „Globale Krisen, das entfesselte Wüten der Kämpfer des „Islamischen Staates“, die Auswüchse eines islamischen Extremismus“ machten ratlos und verstärkten die „diffusen Ängste“, sagte Rekowski am Montag in seinem Jahresbericht vor der Synode in Bad Neuenahr.

Eine differenzierte Wahrnehmung des Islams in der Gesellschaft gelinge immer seltener. Wo aber die Grenze zur Verunglimpfung und zur Menschenfeindlichkeit überschritten werde, müsse die Kirche deutlich Widerspruch erheben. „Es darf nicht sein, dass Muslime in unserem Land zunehmend Angst haben müssen.“

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor beklagte den „blanken Hass“, der ihr seit dem Terror von Paris in der vorigen Woche verstärkt entgegenschlage. Im „Kölner Stadt-Anzeiger“ vom Montag führte Kaddor dies besonders auf ihre Kritik an der Pegida-Bewegung zurück. „Mit ihrer Islamfeindlichkeit bedient sie exakt den Radikalismus, gegen den sie sich angeblich wendet. Pegida und Salafismus treffen sich in ihren extremistischen Ideen, auch wenn sie aus entgegengesetzten Richtungen kommen“, sagte Kaddor. „Die normalen, friedlichen Muslime geraten dazwischen wie in einer Schraubzwinge.“ Dieser Druck bekomme gerade nach ihrer Ansicht „eine schlimme neue Qualität“, so die Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bunds. Nach der Festnahme des mutmaßlichen IS-Kämpfers Nils D. aus Dinslaken, der im November aus Syrien nach Deutschland zurückgekehrt war, schließt Kaddor nicht aus, dass D. wegen der Todesdrohungen des IS gegen Abtrünnige „kalte Füße bekommen und das Weite gesucht“ habe. Die Pädagogin unterrichtete mehrere junge Männer, die sich für kurze Zeit dem IS angeschlossen hatten. „Wir machen es den Salafisten zu einfach“, sagte sie. „Solange wir jungen deutschen Muslimen kein aufrichtiges Integrationsangebot machen, werden Menschenfänger es immer wieder schaffen, einige von ihnen auf ihre Seite zu ziehen und sie zu radikalisieren.“

In Deutschland leben 3,8 bis 4,3 Millionen Muslime. Das sind etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung und ein Viertel der Menschen mit Migrationshintergrund. Ein Drittel lebt im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen, nicht einmal zwei Prozent leben in den neuen Ländern. Nur ein kleiner Teil von ihnen gilt als Anhänger radikaler Strömungen.

20 Prozent der Muslime sind in religiösen Gemeinden oder Vereinen organisiert. Keine dieser Organisationen spricht für alle Muslime. Mit dem Anspruch, die Mehrheit besser zu vertreten, haben sich im Jahr 2007 die vier an der Deutschen Islam Konferenz teilnehmenden Verbände, Zentralrat der Muslime in Deutschland, Islamrat für die Bundesrepublik, Türkisch-Islamische Union und Verband der Islamischen Kulturzentren im Koordinationsrat der Muslime in Deutschland zusammengefunden. Nach eigenen Angaben vertritt der Koordinationsrat 85 Prozent der rund 2 350 Moscheegemeinden in der Bundesrepublik.

Mit fast drei Vierteln sind die Sunniten darunter die bedeutendste Glaubensrichtung. Es folgen die Aleviten mit 13 und die Schiiten mit 7 Prozent. Knapp zwei Drittel der Muslime in Deutschland haben türkische Wurzeln. Mehr als 13 Prozent stammen aus Südosteuropa, etwa 8 Prozent aus dem Nahen Osten und 7 Prozent aus Nordafrika. Laut einer Studie des Bundesamtes für Migration von 2009 schätzen sich 36 Prozent als stark gläubig ein.

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