Leitartikel: Warum Christen provozieren

Von Stephan Baier
Stephan Baier

Warum schockt uns die Liturgie der Kirche bereits am zweiten Weihnachtsfeiertag mit einem Mord? Hätte sie uns nicht eine erbaulichere, romantischere Szene vor Augen halten, unserer geschichts- und bibelwidrigen Verkitschung der Geburt Jesu ein wenig entgegenkommen können? Warum wird unser „Süßer die Glocken nie klingen“ so hart unterbrochen von Mord und Totschlag? Warum holt uns die Kirche nicht dort ab, wo wir sind, inmitten unserer Geschenke und Festtagsessen? Nein, die Kirche bietet nicht einlullendes, das Hirn benebelndes „Opium für das Volk“, sondern konfrontiert uns mit der Grausamkeit unserer Welt: Wie Stephanus gesteinigt wurde, werden Jünger Jesu auch heute in vielen Ländern der Welt diskriminiert, verfolgt, bedroht und ermordet.

Der Hass gegen Christen entlädt sich an Weihnachten: jetzt in Nigeria, zuvor in Alexandria. Sicher, da gibt es eine politische Ebene, eine ideologisch genährte Beeinflussung, die einfache muslimische Nigerianer dazu bringt, in ihren einfachen christlichen Nachbarn Agenten des verhassten Westens zu sehen. Da gibt es Kräfte, die nicht am Frieden, nicht am Miteinander, nicht an Stabilität interessiert sind. Und doch bleiben wir an der Oberfläche, wenn wir nach den Ursachen für Gewalttaten gegen Christen nur in den politischen Interessen fahnden. Von Anfang an und durch die Kirchengeschichte lässt sich beobachten, dass die Mächte dieser Welt auf die Friedensbotschaft, die von der Krippe ausgeht, mit Hass und Gewalt reagieren. Das Holz der Krippe verweist schon auf das Holz des Kreuzes. Der Mord an Stephanus ist der Auftakt zu einer Geschichte des Martyriums. Er fiel dem Hass zum Opfer, weil er die Schuld der Mächtigen aufdeckte: „Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Sie haben die getötet, die die Ankunft des Gerechten geweissagt haben, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid“ (Apostelgeschichte 7,52). Immer und immer wieder bietet Gott dem Menschen seinen Bund an, einst durch die Propheten, heute durch die Kirche. Immer und immer wieder reagieren Menschen darauf mit Hass und Gewalt. Die Anschläge gegen Christen – seien sie atheistisch, religiös oder politisch begründet – erinnern daran, dass es an Weihnachten nicht um eine harmlose, kitschige oder romantische Geschichte geht, sondern um das Drama der Heilsgeschichte schlechthin. Um die Frage, ob sich der Mensch an seinen Illusionen der Selbstgerechtigkeit, des Egoismus und der eigenen Macht festklammert – oder ob er bereit ist, loszulassen und sich von Gott retten zu lassen.

Verfolgte Christen in Saudi-Arabien, Ägypten, Irak, China, Kuba, Sudan oder Nigeria fühlen sich dem Hass der Mächtigen und der Gewalt der Gewalttäter oft ohnmächtig ausgeliefert. Ohnmächtig wie Jesus im Holz der Krippe, ohnmächtig wie Jesus am Holz des Kreuzes. Die Geschichte des pilgernden Gottesvolkes ist umschlossen von gewalttätiger Profangeschichte. Weihnachten erinnert aber auch daran, dass darüber hinaus die Profangeschichte umschlossen ist von Heilsgeschichte, weil das ohnmächtige Kind in der Krippe zugleich der Sinn des Seins ist. Weil – wie uns der Johannes-Prolog, Schöpfung und Erlösung zusammenfassend belehrt – der Logos des Anfangs, durch den alles geworden ist, was teilhat am Sein, zugleich jenes Licht ist, das in der Finsternis leuchtet.

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