Leitartikel: Verstrahltes Gelände

Von Stefan Rehder
Stefan Rehder
Foto: DT | Stefan Rehder.

Wer sich – fern ideologisch eingehegter Parteitage der Bündnisgrünen – als Gegner der friedlichen Nutzung der Atomenergie zu erkennen gibt, begibt sich auf verstrahltes Gelände. Er, so wird nicht selten suggeriert, müsse ein Maschinenstürmer und Technikfeind sein. Einer, der die (deutsche) Ingenieurskunst verachte und mit Gewalt zurück in die Steinzeit wolle. Einer, dem – falls er überhaupt so weit denken könne – der Wohlstand der Menschen egal sei. Beruhe dieser doch schließlich zu einem großen oder jedenfalls bedeutsamen Teil auf der vergleichsweisen preiswerten Bereitstellung von Energie. („Schon einmal daran gedacht, welche Unsummen ein Netzausfall die Wirtschaft kostet oder wie viele Menschen auf Intensivstationen sterben, wenn dort mehr als nur das Licht ausgeht, Gutmensch?“). Das Dumme ist, dass eine solch vulgäre Kritik durchaus und keineswegs immer zu Unrecht verfängt. Denn derart einfach strukturierte Gegner der friedlichen Nutzung von Atomenergie gibt es tatsächlich. Daneben gibt es – und das wird von Vielen vergessen und von anderen unterschlagen – aber auch jene, die von Denkern wie Günther Anders, Erwin Chargaff, Hans Jonas, Robert Junk, Albert Schweitzer oder Robert Spaemann auf das Beste repräsentiert werden. Und mit deren Argumenten, sollte sich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – im eigenen, wie im Interesse der Menschheit als Ganzer – eben doch auseinandersetzen.

Gemeinsam ist ihnen die Einsicht, dass eine ethische Bewertung von moralisch indifferenten Technologien, die sich üblicherweise nach den mit ihnen verfolgten Zwecken richtet und bei denen der unrechte Gebrauch nicht auch den rechten infiziert, bei „Großtechniken“ (Jonas) wie der Atomtechnik versagen muss. Der Atomreaktor ist eben nicht der gute Bruder der bösen Atombombe. Denn obgleich sich mit ihm Strom – noch dazu kohlendioxidneutral – sowohl für die Wirtschaft, als auch für private Haushalte erzeugen lässt, womit zweifellos jeweils „gute“ Zwecke verfolgt werden, ist die ihnen zugrunde liegende Technologie eben alles andere als ethisch indifferent. Und selbst wenn die „Misshandlung“ des Atomkerns (Chargaff) sich vom Menschen einmal derart kontrollieren ließe, dass sogenannte Super-GAUs, wie sie sich 2011 in Fukushima und 1986 in Tschernobyl ereigneten, künftig ausgeschlossen werden könnten, würde sich daran kein Jota ändern. Denn bei genauer Betrachtung stellt bereits die aus der Nutzung der „friedlichen“ Atomtechnik unweigerlich resultierende irreversible Verseuchung des Planeten mit atomarem Strahlen-Müll – moralisch gesehen – ein Kapitalverbrechen dar, das jetzige Generationen an zukünftigen verüben und das nicht einmal mit den exorbitanten Staatsschulden verglichen werden kann, die wir diesen hinterlassen.

Der Clou des „gemeinsamen Hauses“, von dem Papst Franziskus häufig spricht, ist, dass es in Wirklichkeit ein Mietshaus und sein Bauherr göttlicher Natur ist. „Gäste auf Erden“, die dieses für künftige Mieter-Generationen unbewohnbar machen, sollten sich nicht wundern, wenn sie dafür zur Verantwortung gezogen werden. Wer das für eine grüne Ideologie hält, muss sich die Frage gefallen lassen, welche Pflanzen er denn geraucht hat.

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