LEITARTIKEL: Sehnsucht und deutsche Angst

Von der Überarbeitung der bischöflichen Leitlinien für den Umgang mit sexuellen Missbrauch geht ein durchaus ambivalentes Signal aus: Wenn die Kürze der Zeit nicht mehr Präzision zuließ, wäre es nicht vertretbar gewesen, noch zu warten, um dem notorischen Vorwurf mangelnder Transparenz gegen die Institution Kirche vorzubeugen? Betroffenen und Opferschutzverbänden werden grelle Grauzonen im Text nicht entgehen: In einem Rechtsstaat, der keine strafbewehrte Anzeigenpflicht für sexuellen Missbrauch vorsieht, ist es keine Bagatellfrage, wo die Bischöfe Grenzen für die Ausnahme von der Meldepflicht ziehen. Zumal die neuen Leitlinien auch auf Handlungen unterhalb der Schwelle der Strafbarkeit angewandt werden sollen, ohne dass auf diese „Grenzüberschreitungen“ objektiv eingegangen wird. Das ist zwar kein kirchliches Problem, doch haben die vergangenen Monate gezeigt, dass katholische Einrichtungen unter hohem moralischen Druck stehen, den Umgang mit Missbrauchsfällen bei Minderjährigen in ihren Reihen darzulegen. Zweifel weckt auch das Vorgehen bei nicht aufgeklärten Fällen: Wer Glaubhaftigkeitsgutachten zur Aussage des mutmaßlichen Opfers, nicht aber des mutmaßlichen Täters einholt, nimmt antikirchliche Ressentiments in Kauf.

Die rasche Überarbeitung der Leitlinien spiegelt eine gewisse Verzweiflung: In der katholischen Kirche in Deutschland paaren sich Sehnsucht nach öffentlicher Akzeptanz und tiefsitzende Angst vor gesellschaftlichen Alleingängen. Die Bischöfe wollen den Erwartungen des Runden Tisches gerecht werden. Eindeutig gestärkt haben sie die Position der Bundesbeauftragten. Mit einer Bereitwilligkeit, über die römische Dikasterien staunen dürfen, reagiert die Konferenz auf einschlägige Anregungen mit einem „deutschen Weg“. Anders als die nordamerikanischen Bischöfe verzichtete man auf den Gang nach Rom, der in katholischen deutschen Kreisen als Umweg gilt.

Die weltkirchliche Perspektive auf das Thema Missbrauch mag zaghafte Gemüter verstören: Kirchlichen Entscheidern fordert etwa die amerikanische „Null-Toleranz-Regel“, wonach ein Geistlicher nach einem einzigen erwiesenen Übergriff nicht mehr öffentlich die Messe feiern und keine klerikale Kleidung mehr tragen darf ein Höchstmaß an bischöflicher Durchsetzungsfähigkeit und Konsequenz ab. Die deutsche Regelung wirkt auf den ersten Blick weicher. Doch kann sie als Boomerang auf die um Glaubwürdigkeit ringende Institution Kirche zurückfallen, wenn sich die erhoffte präventive Wirkung nicht einstellt. Täter dürfen nicht wieder in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen eingesetzt werden, ansonsten entscheidet der Bischof auf der Grundlage eines psychiatrischen Gutachtens, ob, wo und unter welchen Auflagen der Täter im kirchlichen Dienst Verwendung findet. Das kann pure Härte gegenüber den Bischöfen und Gläubigen von morgen bedeuten, denn wer vertraut psychiatrischen Gutachten für Pädophile und Sexualstraftäter wirklich? Die Debatte um die Neuregelung der Sicherungsverwahrung erscheint rückblickend wie ein Menetekel an der Kirchenwand.

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