Leitartikel: Rückfall in die Barbarei

Von Guido Horst
Foto: DT | Guido Horst.
Foto: DT | Guido Horst.

Das Mittelmeer als Flüchtlingsgrab. Die Nachrichten von den vielen Toten, die Bilder von entkräfteten Frauen und Kindern, die oft chaotischen Zustände auf Lampedusa – alles erschütternd. Der Appell von Papst Franziskus vom vergangenen Samstag (siehe DT vom 8. Juli) war wieder einmal aufrüttelnd. Die Konferenz der EU-Innenminister am Dienstag in Mailand zur Flüchtlingspolitik war das weniger. Die Italiener leisten mit der von Heer, Marine, Küstenwache, Polizei und Zivilschutz getragenen Aktion „Mare nostrum“ hervorragende Arbeit. Zu Zigtausenden holt man die gefährdeten Passagiere bei ihren von Schlepperbanden organisierten Überfahrten aus klapprigen Kähnen und überfüllten Schlauchbooten und bringt sie sicher ans Land.

Unfälle und Tote lassen sich kaum vermeiden, zumal dann, wenn wie in diesem Sommer die Zahlen der Flüchtenden zu explodieren scheinen. Der Name Lampedusa steht für ein ganz großes europäisches Drama, auf das allerdings die von Papst Franziskus angeprangerte „Kultur der Gleichgültigkeit“ achselzuckend reagiert. Von Irak und Syrien über Nordafrika bis hin zu Somalia, dem Sudan und Nigeria herrschen Mord, Vertreibung und Gewalt – also scheint es für viele fast selbstverständlich zu sein, dass unkontrollierte Flüchtlingswellen über das Mittelmeer schwappen. Nichts könnte falscher sein.

Das Mittelmeer war wirklich einmal „mare nostrum“ – „unser Meer“. Man kann bis zu den Griechen und Römern zurückgehen, oder in die Zeiten der christlichen Seefahrt. Man konnte in Alexandria an Bord und im italienischen Puteoli an Land gehen. Oder von Cäsarea nach Spanien segeln. Natürlich gab es Kriege, Schiffbrüche – und die Piraterie. Aber grundsätzlich war das Mittelmeer ein Verkehrsweg – und keine Grenze, so wie heute. Europa ist in vor-antike Zeiten zurückgefallen. Und man wird den Verdacht nicht los, dass einige Länder der Europäischen Union das genau so haben wollen. Natürlich bräuchte es für außerordentliche Flüchtlingsströme in Zeiten der Not außerordentliche Maßnahmen: Auffanglager an den Küsten des Nahen Ostens und Nordafrikas oder Einwanderungsstellen in den europäischen Häfen. Man hat sich an gesunkene Schlauchboote und leckende Seelenverkäufer gewöhnt. Aber warum eigentlich können Vertriebene, die es aus einem Krisengebiet an die Küste geschafft haben, sich nicht ein normales Ticket für eine normale Fähre kaufen, um sicher nach Europa zu kommen, sondern müssen mit ihrem Geld die überhöhten Preise der Schlepperbanden bezahlen?

Weil in Europa der politische Wille fehlt, das Mittelmeer wieder sicher zu machen. Abschotten heißt die Devise. Sollen doch wirtschaftlich schwache und völlig überlastete Länder wie der Libanon und Jordanien schauen, wie sie mit den Hunderttausenden von Vertriebenen und Flüchtlingen fertigwerden. Das ist purer Zynismus. Keiner wird behaupten, dass man das Mittelmeer von heute auf morgen zum sicheren und zivilen Verkehrsweg machen kann. Dafür bräuchte es geduldige politische Arbeit. Und zähe Verhandlungen mit den Regimen im nördlichen Afrika. Ja, eine regelrechte Kraftanstrengung. Aber zu diesem humanitären Akt scheint niemand in Europa bereit zu sein.

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