Leitartikel: Rechnung ohne Unbekannten

LEITARTIKEL: Saubere Lösung: Neuwahlen

Akademikerinnen können rechnen. Das ist die banale Feststellung aus der neuesten Mitteilung des Statistischen Bundesamtes zur Geburtenentwicklung in Deutschland. Jede fünfte Frau bleibt lebenslang kinderlos und bei Akademikerinnen ist es jede vierte. Manche Politiker allerdings können trotz akademischer Ausbildung nicht rechnen. Sie ziehen aus den Daten das bekannte Fazit, man müsse nur mehr Krippen bauen und schon gäbe es mehr Kinder. Aber es ist eine Rechnung ohne den Unbekannten. Denn für die meisten Kinderlosen rangiert die Betreuungsfrage seit Jahrzehnten ziemlich weit hinten, ganz vorne steht die Frage nach dem Partner. Das lässt sich aus dem jüngsten „Monitor Familienleben“ der Bundesregierung erschließen: Fehlende Betreuungsmöglichkeiten rangieren dort an letzter Stelle der möglichen Gründe gegen Kinder. An der Spitze der Hemmnisse zur Erfüllung des Kinderwunsches steht dagegen das Fehlen eines „passenden“ Partners.

Solche Zeichen einer grassierenden Singularisierung verdrängen Politiker, Wirtschaftsfunktionäre wie Arbeitgeberpräsident Hundt und ihre publizistischen Hilfstruppen gern – zu schmerzhaft zeigen sie ihnen hier die Grenzen ihrer Gestaltungsmacht. Wissenschaftler sollten sich von solchen Rechenkünsten allerdings nicht davon abhalten lassen, nach den wahren Gründen für den Kinderschwund zu forschen. Diese Gründe bietet das praktische Leben. Denn oben auf der Begründungsliste steht auch das Finanzargument.

Es muss doch aufhorchen lassen, wenn jedes fünfte Kind unter sieben Jahren in einem Haushalt von Sozialhilfeempfängern lebt. 1965 war es nur jedes 75. Kind. Die sozialen Abgabelasten auf die Familien steigen, Stichwort Strompreis. Oder Mehrwertsteuer. Familien konsumieren anders als Single-Haushalte. Sie haben keine Wahl, die Heizung muss laufen, wenn die Kinder nicht krank werden sollen. Das Brot muss auf den Tisch und selbst billige Schuhe kosten Geld. Der ökonomische Druck auf junge Eltern ist enorm. Sie sollen zudem für den Job immer verfügbar sein und der Druck schlägt auf die Kinder durch. Jedes dritte Kind ist bei der Einschulung verhaltens- oder entwicklungsgestört. Jedes vierte verlässt die Schule ohne Beherrschung der Kulturtechniken, die selbst für Hilfsarbeiten Voraussetzung sind.

Nein, die Krippe bringt nicht mehr Kinder und regelt die Lebensprobleme nicht. Sie verschärft sie eher. Denn Bindung geht der Bildung voraus. Das gilt schon für die Primärbindung zum Partner, sie ist generativ. Und die Bindung zum Kind ist konstitutiv, nicht nur für die Bildung, sondern auch für die Familie. Das sehen die Akademikerinnen in der SPD nicht. Irgendwie ist es schizophren: Auf der einen Seite schimpfen sie auf die Wirtschaft, auf der anderen laufen sie ihr nach. Ein entkrampftes Verhältnis zu Familie und Beruf, eine Familienpolitik aus einem Guss, hat allenfalls die CSU. Sie nimmt die Wahlfreiheit ernst. Das Betreuungsgeld ist eine Anerkennung der Erziehungs- und Bindungsleistung, die allen zugute kommt. Die CSU kann freilich nicht alles verwirklichen, dafür ist sie nicht groß genug. Aber ihr Veto sollte sie bei den Verhandlungen zum Koalitionsprogramm schon einsetzen. Sonst gehen noch weniger Rechnungen auf.

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