Leitartikel: Persönlichkeit braucht Bildung

Von Alexander Riebel
Foto: DT | Alexander Riebel.
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Das Bundesministerium für Bildung jubelt: „Deutschland bildet sich“, heißt es aus Berlin. Natürlich stimmt es, dass „unser Land ein sehr hohes Bildungsniveau“ erreicht hat. Wer wollte da widersprechen? Aber der am Dienstag vorgestellte OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick“, der die Grundlage für diese Freude ist, liest sich doch etwas anders. Denn nach anfänglichem Lob hat die „Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung“ (OECD) auch einige aufschreckende Nachrichten parat. Dass Deutschland international an zweiter Stelle in der „Abwärtsmobilität“ liegt, wonach Jugendliche einen geringeren Bildungsstand als die Eltern erreichen, lässt aufhorchen. Bei den 25- bis 34-Jährigen ist die Bildungsmobilität nach unten sogar häufiger als nach oben; doch das spricht das auch für die berufliche Ausbildung in Deutschland, die sich einzigartig positioniert hat. Allerdings sagt das Ergebnis auch etwas aus über die geringere Wertschätzung der akademischen Bildung im Vergleich zum Ausland.

Dennoch, Bundesbildungsministerin Wanka hat völlig Recht, wenn sie den Bildungsabschluss einer Optik-Meisterin nicht als Bildungsabstieg ansieht. Der Text der OECD verführt dazu, akademische Bildung gegen die berufliche Ausbildung auszuspielen. Das wird auch durch die Betonung des wesentlich höheren Verdienstes von Akademiker gegenüber den Absolventen einer Fachausbildung nahegelegt. Den Jugendlichen ist aber nicht geholfen, wenn ihnen suggeriert wird, zwischen den Ausbildungswegen gebe es keine gleichberechtigten Wahlmöglichkeiten. Darum ist auch das Bedauern der OECD nicht zu teilen, dass der Anteil der Deutschen mit Hochschulabschluss im internationalen Vergleich noch zurückliegt, erst recht mit Blick auf den Fachkräftemangel in Deutschland. Die Jugendlichen wissen, dass der Weg zur Universitätsprofessur nicht so leicht ist. Unzählige Habilitierte bleiben ohne Berufung auf der Strecke und müssen versuchen, mit geringen Vorlesungshonoraren irgendwie zu überleben. Auch sind die Quoten zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern nicht vergleichbar: Etwa weil Japan für Kindergärtnerinnen einige Semester an der Universität verlangt. Die OECD müsste zu jeder Statistik das jeweilige nationale Bildungssystem aufschlüsseln. Das tut sie aber nicht.

Auch ist die OECD mit ihren begrifflichen Grundlagen auf dem Holzweg. Wie in den PISA-Studien spricht sie von Kompetenzen, obwohl man längst weiß, dass Bildung etwas völlig anderes ist als Kompetenzen. Der Bildungsbegriff wird missverstanden. Wenn in der Studie von „Bildungsmobilität“ nach oben oder nach unten die Rede ist, sind eigentlich verschiedenen Abschlüsse gemeint. Unter Bildung versteht die OECD prüfbares Wissen. Das ist aber Bildung gerade nicht. Ziel aller Bildung muss die gebildete Persönlichkeit sein. Dies geschieht nicht vorrangig durch Vermittlung abfragbaren Wissens, sondern durch am klassischen Bildungskanon angelehnte Förderung. Nicht weil früher alles besser war, sondern weil der Mensch ein Kulturwesen ist und kein reiner Funktionsträger. Aus der Weitergabe von Kultur entsteht Bildung. Der OECD aber genügen herkunftslose Kompetenzen, weil ihr der Zusammenhang zwischen Bildung und Persönlichkeit entgangen ist.

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