Leitartikel: Papst rüttelt Orden wach

Von Guido Horst
Foto: DT | Guido Horst.
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Es gibt keine Weihe „light“, es gibt kein halbes Ordensleben. Bei seiner Predigt am Fest der Darstellung des Herrn, dem neunzehnten Welttag des geweihten Lebens, hat Papst Franziskus diesen Aufruf mit den Worten Gehorsam und Gelehrigkeit verbunden. Nicht damit Mönche, Nonnen und solche, die ein Gott geweihtes Leben führen, besonders klug, gebildet und fügsam sind, sondern damit sie ganz konkret die Inkarnation, die Fleischwerdung Gottes in der Geschichte der Menschheit, bezeugen können: Gehorsam und Gelehrigkeit seien nicht etwas Theoretisches, sagte Franziskus, „sondern sie unterliegen der Logik der Inkarnation des Wortes Gottes: Gelehrigkeit und Gehorsam gegenüber einem Gründer, Gelehrigkeit und Gehorsam gegenüber einer konkreten Regel, Gelehrigkeit und Gehorsam gegenüber einem Vorgesetzten, Gelehrigkeit und Gehorsam gegenüber der Kirche. Es geht um konkrete Gelehrigkeit und konkreten Gehorsam.“

Im Jahr der Orden, das die Kirche begeht, sind die alten und neuen geistlichen Gemeinschaften aufgerufen, wieder ihr spirituelles Profil zu schärfen – und der Papst, selber Ordensmann und der erste Jesuit auf dem Petrus- stuhl –, gibt die Linie vor. Nicht Verwässerung des Charismas, nicht ein ausschweifender Aktivismus, kein Ausgreifen auf Handlungsfelder, die ganz klar den Laien vorbehalten sind, sondern die Besinnung und Konzentration auf den Kern der eigenen Berufung. Indem Franziskus viermal Gelehrigkeit und vor allem den Gehorsam ins Feld führt – gegenüber dem Gründer oder der Gründerin, gegenüber der Regel des eigenen Ordens, gegenüber den direkten Oberen und gegenüber der Kirche, also dem Papst und den Bischöfen, wird er deutlich und sehr konkret. Jeder Ordensmann und jede Ordensfrau kann sich diesen vierfachen Aufruf auf die eigene Lebenswirklichkeit herunterbuchstabieren. Das fängt mit dem Tragen der Ordenskleidung an und endet mit dem Ringen jeder Seele vor Gott, die sich zu einem Leben der Ganzhingabe entschieden hat. Der Papst will eine existenzielle Ernsthaftigkeit, mit der die Gottgeweihten die konkreten Konsequenzen ihrer Weihe nach Innen und nach Außen leben, sonst wird das Ordensleben zu einer Karikatur, sagt Franziskus, „in der eine Nachfolge ohne Verzicht, ein Gebet ohne Begegnung, ein brüderliches Leben ohne Gemeinschaft, ein Gehorsam ohne Vertrauen und eine Nächstenliebe ohne Transzendenz gelebt wird“. Starke Worte. Aber was gibt es Karikaturhafteres, als seine Hingabe in einem Orden so leben wie die Mitgliedschaft und das Mitwirken in einem Verein mit Sitz in einem mehr oder weniger religiösen Gebäude mit Hauskapelle und katholischer Tagesordnung. Die Folgen sind ebenso handfest wie die Mahnung des Papstes: Wo Ordensgemeinschaften ihrem Gründer und Charisma und dem Lehramt der Kirche gehorsam sind, haben sie Nachwuchs – und manche von ihnen blühen auch in westlichen Gesellschaften wie Oasen in der Wüste. Wo das Gott geweihte Leben zu einer „light“-Version verkommt, lichten sich die Klöster, und die Gemeinschaften fransen an den Rändern aus. Auch bei den Orden heißt Reform, das Überflüssige wegzunehmen und das ursprüngliche Charisma mit dem eigenen Leben zu bezeugen.

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