Leitartikel: Nur noch wenig Zeit zur Rettung

Von Reinhard Nixdorf
Leitartikel: Die ungerechte Kluft

Der internationale Klimaschutz steht auf Messers Schneide. Nur noch wenige Jahre bleiben, um die Trendwende bei den Treibhausgasen zu schaffen. Damit sich die Erde nicht gefährlich erwärmt, muss der Anstieg von Kohlendioxid in der Atmosphäre bis 2020 gestoppt sein. Dennoch steigt der CO2-Ausstoß so rasch an, wie seit den siebziger Jahren nicht mehr. Kein Wunder, dass Manhattan am Sonntag zum Auftakt des New Yorker Klimagipfels die größte Klimademo der Geschichte erlebte: Die Teilnehmer zeigten ihren Politikern unmissverständlich, dass die Menschheit wirkliche Fortschritte in der Klimapolitik will. Eigentlich eine große Chance für die Politiker.

Immerhin ist ein Ergebnis des Gipfels ein Zeitplan zur Eindämmung der Regenwaldzerstörung. Frankreichs Präsident Holland, der 2015 nach Paris zum Klimagipfel einladen wird, machte sich für eine weltweite CO2-Steuer stark, die treibhausgasarmen oder -freien Technologien Wettbewerbsvorteile gegenüber Kohle oder Öl bringt. Zudem stellte er finanzielle Hilfen für arme Staaten in Aussicht. Unübersehbar war aber das übliche „Politikermikado“, bei dem derjenige verliert, der sich als erster bewegt. „Die Vereinigten Staaten haben als größte Wirtschaftsmacht und zweitgrößter Treibhausgas-Produzent eine besondere Verantwortung“, sagte US-Präsident Obama – um gleich mit dem Finger auf andere zu deuten: „Wenn wir handeln und andere nicht, verzerrt das den Wettbewerb.“ China, das damit gemeint war, kündigte durch seinen Vizepremier Zhang Gaoli zwar ein Reduktionsziel an – aber erst für die Zeit nach 2020. Fragt sich, was sich dann noch nachhaltig gegen die Erderwärmung tun lässt. Schon jetzt mehren sich Signale, dass es für das bloße Einsparen künftiger Emissionen allmählich zu spät wird. Im vergangenen Jahr überstieg die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre erstmals den Wert von vierhundert ppm (parts per million) und steuert nun auf 450 ppm zu. Von diesem Wert an gehen Klimaforscher davon aus, dass das international anerkannte Zwei-Grad-Ziel, auf das die Erderwärmung begrenzt werden soll, kaum mehr zu erreichen ist. Schon im Frühjahr warnte der Weltklimarat IPCC mit seinem Fünften Sachstandsbericht, dass schon jetzt der Atmosphäre Kohlendioxid entzogen werden muss, wenn man das Ziel noch erreichen will. Haben unter diesen Umständen Gipfel mit Staaten, an deren Klima-Poker schon Kyoto, Kopenhagen und Warschau gescheitert sind, noch Sinn?

Aber so dringlich Fortschritte in der Klimapolitik auch sein mögen, eine rein politische Lösung des Klimawandels gibt es nicht: Politiker können Rahmen setzen und dafür sorgen, dass sich nachhaltige Investitionen lohnen. Ohne Umdenken bei Unternehmen und Verbrauchern lässt sich der Kampf gegen die weitere Erderwärmung nicht gewinnen: Die Wirtschaft muss anders wachsen: hin zu erneuerbaren Energien, besseren, umweltfreundlichen Produkten und Strukturen. Und die Verbraucher sollten verantwortungsvoller mit der Schöpfung umgehen und nicht der Gier nach immer mehr nachgeben. Wenn die Erde lebenswert bleiben soll, gilt es, sich auf das Maß zu besinnen und Gottes Gärtnerauftrag ernst zu nehmen.

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