LEITARTIKEL: Mehr als einen Krieg verloren

Auch wenn 50 000 US-Soldaten noch bis Ende 2011 im Irak verbleiben: Mit dem Abzug der 4. Stryker-Brigade der 2. Infanteriedivision haben die USA ihren siebeneinhalbjährigen Kriegs- und Kampfeinsatz im Irak beendet. Und Amerika hat den Krieg verloren. Zumindest, wenn die offiziellen Kriegsgründe und Kriegsziele irgendeine Bedeutung für die Beurteilung von Erfolg und Misserfolg haben sollen. Amerikas längster und teuerster Krieg endet in einem Desaster: 4 416 US-Soldaten kamen im Irak ums Leben; mindestens 100 000 irakische Zivilisten verloren wegen der Invasion, der Besatzung und des durch sie wachgerufenen Terrors ihr Leben; mehr als 2,2 Millionen Iraker flohen in die Nachbarländer. Angesichts der menschlichen Tragödien, die hinter diesen Zahlen stehen, wirken die Rechenspiele amerikanischer Politiker fast wie Erbsenzählerei: Hat der Krieg die USA nun eine oder – volkswirtschaftliche Schäden inklusive – drei Billionen Dollar gekostet? Zahlte Washington tatsächlich 5 000 Dollar für jede Sekunde des Kriegs?

Der Schaden, den George Bushs Krieg im Irak anrichtete, ist nicht in Dollar zu beziffern, und er beschränkt sich nicht auf die Toten, Verletzten, Vertriebenen und Heimatlosen. Bush wollte die Welt glauben machen, er könne im Irak Freiheit und Demokratie installieren, den Nahen Osten befrieden und die Welt sicherer machen. Siebeneinhalb Jahre später wissen wir: Der Irak ist Lichtjahre von einem demokratischen Rechtsstaat entfernt, droht in partikuläre Interessen zu zerfallen und unter den Einflüssen seiner Nachbarn zerrissen zu werden. Die Türkei will verhindern, dass der Nordirak kurdischen Terror exportiert, die Saudis sehen sich als Schutzmacht der sunnitischen Minderheit, der Iran spielt die schiitische Karte und hat mit Saddams Sturz einen regionalen Konkurrenten verloren. Internationale wie nationale Sicherheitskräfte stehen dem Straßenterror machtlos gegenüber. So leicht es war, den Diktator zu stürzen, so unmöglich scheint es, eine stabile und halbwegs sichere Ordnung zu installieren.

Ebenso offenkundig ist, dass der Nahe Osten weder versöhnter noch friedlicher geworden ist. Im Gegenteil: Der Irak-Krieg war ein Dolchstoß in den Rücken jener arabischen Kräfte, die an Frieden, Versöhnung und Entwicklung interessiert sind, und er war Wasser auf die Mühlen der radikalen Islamisten. Für Israel ist eine Versöhnung mit den Palästinensern wie mit den arabischen Nachbarn – wie sie mit Jordanien und Ägypten längst gelungen war – nicht nähergerückt, sondern heute ferner denn je. Washington ist durch den Irak-Krieg im Orient schwer diskreditiert. Die Europäische Union hat sich doppelt beschädigt: einerseits, weil Bush unter den Staaten Europas zahlreiche kritiklose Kombattanten hatte, andererseits, weil die EU keine klare und einheitliche Linie zustande brachte. Bush hat nicht daran geglaubt, den „clash of civilizations“ verhindern zu können, also hat er vergeblich versucht, ihn zu gewinnen. Im Ergebnis hat er ihn wahrscheinlicher gemacht.

Zu den Verlierern des Kriegs gehören die Christen im Orient. In dem schon zu Zeiten der Apostel missionierten Süden des Irak ist das Christentum heute ausgelöscht, in anderen Landesteilen hält der Leidensweg der Christen an. Johannes Paul II. hatte mit seinen Warnungen vor dem Irak-Krieg Recht: moralisch und auch politisch.

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer