Leitartikel: Hoffen und bangen

Von Friedrich von Westphalen
LEITARTIKEL von Friedrich von Westphalen

Wer nach den Gründen für die atemberaubende Talfahrt der deutschen Börse am Montag – aber auch schon in der Vorwoche – fragt, landet zunächst in der von Altersklugheit getränkten Psychologie: An der Börse regiert die Gier oder die Angst. Mehren sich die Anzeichen, dass der „Ausverkauf“ ansteht, will kein Investor zu spät kommen. Die an allen großen Börsenplätzen installierten Hochfrequenzcomputer sorgen dann in Millisekunden dafür, dass nach Möglichkeit alle Teilnehmer vom sich abzeichnenden Trend profitieren.

Doch die Gesetze der Psychologie oder die der Hysterie reichen nicht aus, um zu erklären, dass der DAX am Montag rund vier Prozent einbüßte, um am Folgetag die Marke von 10 000 Punkten mit einem Plus von fast fünf Prozent wieder zu durchbrechen. Die Erklärung, dieser „crash“ sei der sich abkühlenden chinesischen Wirtschaft zuzuschreiben, ist dann kaum plausibel. Der maßgebende Index der chinesischen Börse – der Shanghai Composite – gab auch am Dienstag um mehr als sieben Prozent nach.

Der Bodensatz in der seit Wochen andauernden Talfahrt der chinesischen Börse dürfte im Übrigen noch nicht erreicht sein. Zwar hat die Notenbank zum fünften Mal seit November den Leitzins gesenkt und auch die Mindestreservepflichten der Banken für die Kreditvergabe gelockert, doch die Fundamentaldaten der chinesischen Wirtschaft – immerhin prognostiziert Peking ein Wachstum von sieben Prozent für dieses Jahr – haben sich offenbar meilenweit vom Börsengeschehen entfernt. Es herrschte über lange Jahre reine Zockerstimmung, jetzt ist der Katzenjammer groß. Ob es der Regierung gelingt, durch den Verkauf von US-Dollar und den Kauf von Aktien die Kurse zu stützen, ist noch nicht erwiesen. Marktgesetze und politische Manipulationen sind Gegensatzpaare, die kaum auf einen Nenner zu bringen sind.

Sicherlich muss man als Begründung für den weltweiten Einbruch der Börsenkurse (neben China) auch die nachlassende Weltwirtschaftskonjunktur (Schwellenländer – Devisenflucht, Inflation und sinkender Ölpreis) hinzunehmen. Aber man darf nicht übersehen, dass neben der Realwirtschaft riesige Massen von Liquidität – von den Notenbanken seit Jahren in die Märkte gedrückt – vorhanden sind, die weltweit begierig nach Anlagechancen schielen. Dadurch entstehen – abseits der Fundamentaldaten der Realwirtschaft – im Handumdrehen Exzesse, die kaum zu prognostizieren und noch schwerer zu beherrschen sind. Der morgige Tag hat jeweils seine eigenen Gesetze, und die Gier ist grenzenlos.

Die deutsche Konjunktur, heißt es nach den neuesten Daten, sei ein „Fels in der Brandung“ (Hans-Werner Sinn). Diese könnten eine hinreichende Grundlage dafür sein, dass sich die Börsenkurse im DAX in den nächsten Tagen – trotz anhaltender China-Krise – wieder stabilisieren und die Talfahrt beenden. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) setzte noch eins drauf: Die Entwicklungen in China seien zwar Grund zur Sorge, sie könnten aber nicht „die deutsche Entwicklung beeinträchtigen“. Das kann man hoffen. Doch Zuversicht hat festere Wurzeln. Denn der jetzt wieder gestärkte Euro und die sinkenden Absatzchancen auf dem chinesischen Markt belasten mittelfristig sehr wohl die deutsche Exportwirtschaft.

Themen & Autoren

Kirche