Leitartikel: Funke und Flächenbrand

Von Stephan Baier
Foto: DT | Stephan Baier.
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Die Terroranschläge im türkischen Grenzort Reyhanli sind nicht der erste, aber der bislang blutigste Beweis dafür, dass der Krieg um Syrien längst über die Staatsgrenzen getreten ist. 46 Menschen wurden getötet, etwa 140 schwer verletzt – und die politischen Folgen sind nicht abschätzbar. Der türkische Ministerpräsident Erdogan, der früher und härter als andere auf den Sturz Assads gedrängt hat, ist am Donnerstag bei US–Präsident Obama. Der Terroranschlag vom Wochenende wird ihm hier als Argument dienen, ein schärferes Vorgehen gegen das syrische Regime und eine Flugverbotszone zu fordern. In diesem Sinn meinte sein Außenminister Davutoglu, das Attentat zeige, „wie ein Funke zum Flächenbrand wird, wenn die internationale Gemeinschaft schweigt und der UNO-Sicherheitsrat nicht handelt“. Ankara hat drei Probleme mit Syrien, für die es eine internationale Lösung sucht: Ein politisches Überleben Assads wäre ein gewaltiger außenpolitischer Prestigeverlust für Erdogan. Die Türkei hat mehr als 300 000 syrische Flüchtlinge aufgenommen und ist an den Grenzen ihrer Hilfskapazität. Und im ethnisch vielfältigen syrisch-türkischen Grenzgebiet brodelt es: Hier leben christliche wie alawitische Araber, die mit Assad sympathisieren, aber auch viele Kurden, die auf einen Zerfall Syriens und ein zweites Kurdistan hoffen. Gemeinsam ist ihnen allen nur das Misstrauen gegenüber dem türkischen Staat.

Weitet man den Blick über die Grenzen der Provinz Hatay hinaus, wird sichtbar, dass es beim Krieg um Syrien höchst unterschiedliche Interessen gibt. Katar und Saudi-Arabien, die die Front gegen Assad führen, haben völlig andere Interessen als die Türkei oder Europa. Selbst wenn Assads System heute fiele, könnte keiner seiner Gegner alle seine Ziele durchsetzen: Das „neo-osmanische“ Ziel der Türkei, ihren Einfluss in Nahost auszuweiten, würde am Misstrauen der Kurden wie der Araber scheitern. Das wahabitische Ziel Saudi-Arabiens, die säkulare Diktatur in Syrien durch eine islamistische zu ersetzen, würde auf Widerstand in Ankara und Brüssel stoßen. Ein „Kompromiss“ dieser divergierenden Kräfte jedoch würde Syrien zerreißen – mit unabsehbaren Folgen für die labilsten unter seinen Nachbarn, also für Jordanien und den Libanon. Zwei Verlierer stehen heute schon fest: Die arabischen Christen, die im Irak zu Opfern des Amoklaufs von George Bush jun. wurden, verlassen jetzt in Scharen Syrien, weil sie ins Fadenkreuz der gegen Assad kämpfenden Islamisten gerieten. Sie haben nur mehr in Jordanien und im Libanon eine relativ sichere Heimat – bis zur Destabilisierung dieser Staaten. Zu Verlierern werden aber auch die moderaten Muslime, die durch den Fall der säkularen Diktaturen in eine Verräter-Rolle gedrängt werden.

Der Zwischenfall in Reyhani und die nun drohende Eskalation zeigen blitzlichtartig, dass der Nahe Osten ethnisch, religiös und ideologisch vielfältiger ist, als Staatsgrenzen und politische Systeme dies widerspiegeln. Sie zeigen aber zugleich, dass all die aus Europa importierten Ideologien der zurückliegenden hundert Jahre – Nationalismus, Sozialismus, Autoritatismus und sogar Demokratie – den Orient weder stabiler, friedlicher und versöhnter noch rechtsstaatlicher und demokratischer gemacht haben. Das Chaos im Orient offenbart auch die tiefe Identitätskrise der islamischen Welt von heute.

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Stephan Baier