Leitartikel: Elmau zeigt: Es geht auch anders

Von Markus Reder
Foto: DT | Markus Reder.
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Die Gipfelbilanzen sind gezogen. Und noch immer reibt man sich die Augen: Wo man hinschaut, überwiegend positive Reaktionen. Wann hat es das zuletzt gegeben? Internationale Anerkennung für Vereinbarungen der führenden Wirtschaftsmächte? Wenn selbst Greenpeace jubelt, Elmau habe geliefert, dann hat es da im Alpenidyll tatsächlich einen Gipfelerfolg gegeben, den man so nicht erwarten konnte. Dieser Erfolg ist aus zwei Gründen wichtig. Da ist erstens die inhaltliche Seite. Die sieben führenden Wirtschaftsnationen streben eine Weltwirtschaft an, die ohne Kohle, Öl und Gas auskommt, um den Anstieg der Erdtemperatur auf weniger als zwei Grad Celsius zu begrenzen. Damit kündigen die G7 eine neue Ära der Energiegewinnung an. Elmau, das ist das Wetterleuchten einer neuen Weltwirtschaft. Das Versprechen, die Treibhausgasemission zu senken, ist zudem mit Hilfszusagen vor allem für afrikanische Staaten verbunden. Das ist immerhin ein Signal, wenngleich die G7 dringend nötige verbindliche Zusagen zur Hunger- und Armutsbekämpfung vermissen lassen.

Der Klimaerfolg war aus einem zweiten Grund wichtig: Vertrauen. Hätte der Gipfel von Elmau nicht mehr produziert als schöne Bilder der Wirtschaftsmächtigen in alpenländischer Kulisse, flotte Obama-Sprüche über vergessene Lederhosen und ansonsten einige mehr oder weniger belanglose Absichtserklärungen, wie man das nach Treffen dieser Art erlebt hat, es wäre fatal gewesen. Das ohnehin bereits schwer ramponierte Vertrauen in den Gestaltungswillen der internationalen Politik hätte weiter Schaden genommen. Globale Ungerechtigkeiten, Klimakatastrophe, Flüchtlingselend: Die Welt ist aus den Fugen und die Mächtigen treffen sich zum Kaffeekränzchen, blockieren sich in nationalen Egoismen und präsentieren anschließend Belangloses. Außer Spesen nichts gewesen. So hat man Gipfeltreffen zuletzt immer häufiger wahrgenommen. Elmau hat gezeigt: Es geht auch anders. Das ist in dieser ebenso krisenhaften wie explosiven Stunde der Weltpolitik von hoher Bedeutung.

Dieser Gipfel war ein Erfolg der deutschen Kanzlerin. Selbst Merkel-Kritiker erkennen das an. Quasi über Nacht hat sich Merkel das Thema Klima zurückerobert und ihren Ruf als „Klimakanzlerin“ aufpoliert. Bei aller Anerkennung für die Ergebnisse von Elmau wird man nun sehr genau darauf achten müssen, wie konsequent die Länder die Umsetzung der Ankündigungen verfolgen. Papier ist geduldig, aber die Klimabeschlüsse dulden keinen Aufschub. In anderen Fällen ist Eile gefährlich. Die Eile, die in Elmau beim Freihandelsabkommen angemahnt wurde, darf nicht dazu führen, die zahlreichen und ernsten Probleme rund um TTIP unter den Tisch zu kehren. Auch hier geht es nicht allein um wirtschaftliche Ziele, sondern um das Vertrauen der Bürger. Wo Transparenz und Kontrolle fehlen und folgenschwere Entscheidungen in Hinterzimmern der Macht ausgekungelt werden, wird genau dieses Vertrauen ruiniert. Die TTIP-Verhandlungen sind ein Beleg dafür.

Globalisierungskritik ist geboten und richtig, aber sie darf nicht zum ideologischen Narrentanz werden. Auch Papst und Kirche sind globalisierungskritisch. Fragen globaler (Un-)Gerechtigkeit dulden kein unkritisches Zuschauen. Wo Wirtschaft tötet, braucht es den Schrei nach Gerechtigkeit. Die Antwort auf menschenunwürdige Verwerfungen der Globalisierung können aber weder Gewalt noch realitätsferne „Stoppt die Globalisierung“-Parolen sein. Stattdessen braucht es eine Globalisierung des Guten. Wegweisung in diese Richtung wird man sich von der neuen Umweltenzyklika von Papst Franziskus erwarten dürfen.

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