Leitartikel: Die Jünger des Pilatus

Von Jürgen Liminski

Die Welt ist aus den Fugen. Diesem Befund dürfte heute niemand mehr widersprechen. Die Bilder aus Aleppo und überhaupt Syrien sprechen eine unmissverständliche Sprache. Auch die vergessenen Kriege im Südsudan und anderen Teilen Afrikas, der schwelende Krieg in der Ost-Ukraine, die Willkür in der Türkei und viele Konflikte – die Experten zählen derzeit mehr als 150 weltweit – lassen eine andere Beurteilung nicht zu. Aber ist es „nur“ die Welt? Ist nicht vielmehr der Verursacher der Konflikte, der Mensch, aus den Fugen? Und gilt das nicht auch auf geringerem Niveau für die deutsche Insel der Seligen, im Mikrokosmos rund um den deutschen Bauchnabel?

Der Fraktionschef der Union, Volker Kauder, beklagt jetzt in einem Interview das vergiftete gesellschaftliche Klima. Natürlich macht er die Brunnenvergifter rechts im politischen Spektrum aus. Die gibt es dort auch zuhauf. Aber es gibt eben auch ein anderes Gift, das den gesellschaftlichen Leim löst, das die Demokratie schleichend entkräftet, das die Wertesysteme zerfrisst und hier finden sich manche Vergifter auch in den Reihen der Union. Es ist der Relativismus. Er kanalisiert den öffentlichen Diskurs zum Mainstream und führt zu einem Einheitsdenken, dessen Reaktion wiederum zur Polarisierung der Gesellschaft treibt. Papst em. Benedikt XVI. sprach mit Recht von der Diktatur des Relativismus. Sie bestimmt vielfach das Denken unserer Politiker. Wie schnell werden Andersdenkende geächtet! Der Generalsekretär der Union, Peter Tauber, tut sich hier besonders hervor. Offenbar ist sein Umgang auch intern alltäglich. Aber wäre es nicht sinnvoller – übrigens auch anständiger –, es statt mit Ächtung und Spott mal mit Argumenten zu versuchen?

Für Argumente aber braucht man ein Koordinatensystem, dessen Vektoren nicht der Utilitarismus (was nützt der Partei?) oder die eigene Karriere sind. Es geht auch um mehr als gesellschaftlich notwendige Werte wie Toleranz und soziale Kompetenz. Es geht um Wahrheit. Bei dieser Vokabel schauen sich im Adenauerhaus viele nach einem Waschbecken um. Kein Zweifel, die Jünger des Pilatus stellen in der Union – in den anderen Parteien schon lange – die Mehrheit. Keiner fragt mehr nach Wahrheit, nach der Verfasstheit des Menschen, nach seiner geistigen Natur. Ohne diese ewige Frage aber verliert sich das Humanum. Schon Romano Guardini sah die „Unmenschlichkeit des Menschen“ in einem unmittelbaren Zusammenhang mit dem Verdrängen von Wahrheit und dem Vergessen Gottes. In seinem posthum erschienenen Werk „Die Existenz des Christen“ beschreibt er, wie der Geist als solcher krank werden kann. „Das geschieht nicht unbedingt nur dann, wenn der Geist sich irrt, sonst wären wir ja alle geistig krank, denn wir täuschen uns alle mal; noch nicht einmal, wenn der Geist häufig lügt; nein, der Geist wird krank, wenn er in seinem Wurzelwerk den Bezug zur Wahrheit verliert. Das wiederum geschieht, wenn er keinen Willen mehr hat, die Wahrheit zu suchen und die Verantwortung nicht mehr wahrnimmt, die ihm bei dieser Suche zukommt; wenn ihm nicht mehr daran liegt, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden“. Das ist es, was die Welt aus den Fugen löst, auch in Deutschland.

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