Leitartikel: Die Grenzen unseres Mitleids

Von Stephan Baier
Stephan Baier

Das Mitleid des Westens mit den Opfern des IS-Terrors ist groß genug, um Waffen zu liefern und Luftangriffe zu fliegen. Aber es ist noch nicht groß genug, um die Terroropfer, die vor Mord, Vergewaltigung, Zwangskonvertierung und Versklavung fliehen konnten, aufzunehmen. Die Türkei, die etwa so viele Einwohner hat wie Deutschland, nahm 1,5 Millionen Syrien-Flüchtlinge auf – Deutschland ist bereit, 20 000 zu nehmen. Auch Jordanien und der Libanon haben jeweils mehr als einer Million Syrern Zuflucht gewährt. Die drei mehrheitlich muslimischen Nachbarländer Syriens werden so den Appellen des Papstes zur großherzigen Aufnahme von Flüchtlingen besser gerecht als die säkularen Staaten Europas, die seit Jahren darüber streiten, wer von ihnen die schwersten Lasten trägt. 435 000 Menschen stellten im Vorjahr in einem der 28 EU-Staaten einen Asylantrag; 50 000 davon aus Syrien.

Wer nun achselzuckend meint, die Nachbarn seien nun einmal die primäre Zuflucht der Migranten, bedenke, was Jordaniens König Abdullah bei der UN-Vollversammlung unterstrich: „Jene, die sagen, dass sie das nichts angehe, liegen falsch. Die Sicherheit jeder Nation wird vom Schicksal des Nahen Ostens abhängen.“ Tatsächlich ist nicht bloß unser Mitleid gefordert, sondern auch unser politischer Verstand, denn jene, die die Flüchtlingsmassen aufnahmen, sind die engsten Verbündeten des Westens in dieser unruhigen Region. Sie bringen die Flüchtlinge nicht nur unter, sondern geben ihnen Nahrung, Medikamente, Kleidung, Schulbildung, Wasser. Der NATO-Partner Türkei hat für die Syrien-Flüchtlinge bereits 2,7 Milliarden Euro aufgewendet, obwohl die Türken die arabischen Nachbarn als Fremde sehen. Im kleinen Libanon und in Jordanien drohen das Schulsystem, der Arbeitsmarkt, die Versorgung mit Strom und Wasser angesichts der Flüchtlingsströme zu kollabieren. Wenn wegen dieser dauerhaften Überlastung auch hier soziale Unruhen ausbrechen, hat das unabsehbare geostrategische Folgen: für die Stabilität der Region, für Israel, für die im Libanon und in Jordanien lebenden Christen, für den Weltfrieden. Wenn das Mitleid des Westens mit den Opfern des IS-Terrors, die in die bisher friedlichen und stabilen Nachbarländer fliehen konnten, nicht groß genug ist, um echte Hilfe zu leisten, dann sollte wenigstens die politische Vernunft dazu raten. Denn wenn das fragile Königreich Jordanien und der in seinem christlich-islamischen Proporzsystem so zerbrechliche Libanon in Turbulenzen geraten, dann sind die arabischen Christen nirgendwo mehr in Sicherheit. Und wenn die Türkei, der Libanon und Jordanien angesichts des seit 2011 währenden Kriegs um Syrien an Stabilität verlieren, dann verliert die westliche Welt ihre Freunde im Orient.

Nachdenklich machen sollte auch, was Irans Präsident Hassan Ruhani jetzt in New York sagte: „Man muss die Wurzeln kennen, wenn man die Quellen des Terrorismus austrocknen will.“ Wenn der Westen zwar Waffen liefert und Luftangriffe fliegt, jedoch an die Grenzen seines Mitleids stößt, wenn es um die Aufnahme arabischer Flüchtlingen geht, stärkt er die anti-westlichen Ressentiments und damit die Radikalisierung. Erst wenn es nicht mehr um westliche Interessen, sondern um Frieden und Gerechtigkeit für den leidgeprüften Orient geht, können die Quellen des Terrors trockengelegt werden.

Themen & Autoren

Kirche