Leitartikel: Das Geschäft mit Olympia

Von Reinhard Nixdorf
Foto: DT | Reinhard Nixdorf.
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Nein, Spielverderber will man nicht sein. Milliarden Menschen verfolgen die Olympischen Spiele weltweit und freuen sich auf spannende Wettkämpfe, Sekunden, die über Sieg oder Niederlage entscheiden, auf neue Helden und nationale Triumphe. Ist Kritik am Geschäft mit Olympia da nicht Nörgelei? Dass der Wettkampf der besten Sportler dieser Welt mithilfe der Medien zum kommerziell genutzten Mega-Event wird, stört vielleicht noch den Studienrat für Griechisch und Latein, seine Schüler aber schon nicht mehr, ist doch Kommerz gerade bei jungen Leuten als Finanzierungsquelle längst akzeptiert: Freiwillig macht man sich zum Werbeträger angesagter Marken.

Dennoch: Die Heuchelei um Olympia lässt sich immer schwerer ertragen: Hier die hehren Beschwörungen von Leistung, Fairness und friedlichem Wettbewerb – dort das Geschacher des IOC um Austragungen, Sponsoren und Fernsehrechte. Schließlich geht es um eine Menge Geld, für manchen Funktionär wohl auch persönlich.

Trotz Wirtschaftskrise wird der olympische Vierjahres-Umsatz nach Abschluss der Sommerspiele mehr als sieben Milliarden Dollar betragen – 5,74 Milliarden Euro. 3,91 Milliarden Dollar entfallen dabei auf den Handel mit Fernsehrechten. Geschäfte aber dürfen nicht gestört werden: Weil Milliarden locken, triumphiert der Gigantismus, werden die Spiele von Mal zu Mal größer, lauter, schriller und bunter, auch wenn der Aufwand Londons gegenüber Peking zurücksteht. Weil Milliarden locken, hat das IOC bei der Eröffnung der Spiele wohl auch auf eine Gedenkminute an die Opfer des Massakers von München 1972 verzichtet, schließlich hätte man damit arabische Financiers gegen sich aufgebracht. Weil Milliarden locken, übt das IOC über London eine groteske Olympia-Diktatur aus: Dreihundert „Marken-Detektive“ durchstreifen London, um versteckte Werbung mit geschützten Marken und Logos, konkret den fünf Ringen, aufzuspüren. Sebastian Coe, der Cheforganisator der Spiele, entblödete sich nicht, zu erklären, weil Coca Cola Sponsor der Spiele sei, dürfe man auch als Besucher keine rivalisierende Marke am Leib tragen: Kein Einlass für Fans mit Pepsi Cola-T-Shirts. Und weil Milliarden locken, geht das IOC auch so energisch gegen Doping-Sünder vor. Denn als Werbeträger lassen sich nur Sportler vermarkten, die ihre Rekorde sauber und fair erzielt haben.

So verkommt Olympia zur profit-getriebenen Show. Ist seine Strahlkraft damit gebrochen? Noch nicht. Wahrscheinlich wird es auch diesmal wieder furchtbare Abstürze in Doping, Kommerz und Korruption geben – aber gleichzeitig wunderbare Beispiele von Willenskraft, Teamgeist und Fairplay. Überdies gibt es nur wenige Plätze auf dieser Erde, wo Nord- und Südkoreaner in einem Dorf wohnen, US-Amerikaner und Iraker sich nach einem Wettkampf die Hände reichen und Israelis und Araber in einer Kantine frühstücken. Das mögen kleine Schritte zur Völkerverständigung sein, möglich werden sie durch die olympische Idee des friedlichen Wettstreits.

Die Olympischen Spiele sind in großer Gefahr. Um das festzustellen, braucht man kein Spielverderber zu sein. Aber gerade deshalb würde man gern jenen in den Arm fallen, die dabei sind, diese Spiele zu verderben.

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