Leitartikel: Das Fehlen einer Kultur des Lebens

Von Stefan Rehder
Stefan Rehder
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Es ist schon richtig, wenn in vielen biopolitischen Schlachten gestählte Recken des Lebenschutzes wie der Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe (CDU) von einen „Testballon“ sprechen und fordern, man dürfe den Vorstoß der Forscher um den Mannheimer Medizinrechtler Jochen Taupitz, die Mitte der Woche in einem von der Akademie der Wissenschaften Leopoldina verbreiteten „Diskussionspapier“ der Politik das unmoralische Angebot unterbreiteten, sich von dem geltenden Verbot verbrauchender Embryonenforschung zu verabschieden, nicht überbewerten. Andererseits sollte sich auch niemand in falscher Sicherheit wiegen. Steter Tropfen höhlt bekanntlich den Stein und Deutschland erlebt gerade auf anderem Gebiet, wie dünn der Firnes der Zivilisation mitunter ist. Hinzu kommt, dass der Mannheimer Rechtsmediziner Taupitz jemand ist, der gerne große Räder dreht und dabei durchaus „Erfolge“ vorweisen kann. Ob beim Import embryonaler Stammzellen, der Präimplantationsdiagnostik oder der Suizidhilfe – in den biopolitischen Dramen der Vergangenheit übernahm der freundlich auftretende Jurist nicht nur tragende Rollen, sondern zog – hinter der Bühne – auch Strippen. Nichts spricht dafür, dass es diesmal anders sein wird.

In einer freiheitlichen Demokratie, in welcher der Staat als weltanschaulich neutraler konstituiert ist, muss dergleichen ausgehalten werden und eignet sich daher auch nicht zur Skandalisierung. Verwundern darf jedoch die scheinbare Gelassenheit, mit der C-Parteien, Kirchen und weite Teile der ethisch musikalischen Zivilgesellschaft solchem Treiben seit langem zusehen. Während in den USA und Großbritannien, aber auch in Italien und Österreich längst mehrere, mitunter fulminante „think tanks“ entstanden sind, die die gesellschaftlichen Debatten auf den sich weiter ausdehnenden Feldern der Bioethik und -politik begleiten, mit kritischen Expertisen bereichern und als Sachverständige Politik und Kirchen zuarbeiten, gibt es in Deutschland Vergleichbares bisher nicht.

Eine Unterkommission Bioethik bei der Deutschen Bischofskonferenz (BDK), die Kommissariate von DBK und EKD in Berlin, vier Sitze im 25-köpfigen Ethikrat, ein von Ehrenamtlern getragener „Bundesverband Lebenrecht“, der einmal im Jahr einen „Marsch für das Leben“ auf die Beine stellt und eine jährliche, von DBK und EKD gemeinsam organisierte „Woche für das Leben“ – all das ist zwar nicht nichts, aber doch zu wenig, um den gut vernetzten „pressure groups“ in Wissenschaft und Industrie, Politik und Justiz sowie Kultur und Medien erfolgreich Paroli bieten zu können. Dies umso mehr, als diese in immer kürzeren Abständen zu immer skrupelloseren Attacken auf den Lebensschutz blasen und längst manch veritable Schneise in den Wall geschlagen haben, mit dem ihn die Mütter und Väter des Grundgesetzes nach den Erfahrungen der NS-Zeit umgaben. Wichtige Impulse kommen zwar auch von deutschen Theologie- und Medizinethik-Lehrstühlen, Debatten prägen oder gar dominieren tun sie meist nicht. Das ist kein Versäumnis, denn Wissenschaftler sollen ja Wissenschaft und nicht etwa Politik betreiben. Doch weil sich darum auf der anderen Seite der Barrikade kaum wer schert, herrscht in Deutschland zwischen den Protagonisten der „Kultur des Todes“ und ihren Gegnern keine Waffengleichheit. Noch gravierender ist, dass die Befürworter einer „Kultur des Lebens“ bislang meist bloß reaktiv statt auch proaktiv agieren. Das hat in der Vergangenheit öfter Schlimmeres verhindert – nur eine „Kultur des Lebens“ erbaut all das noch nicht. Wie nötig diese wäre, kann derzeit überall besichtigt werden. Nicht nur, aber eben auch im Mittelmeer.

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