Leitartikel: Dann mal gute Nacht, Silvio!

Von Guido Horst
Foto: DT | Guido Horst.
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Nachdem er die Große Koalition gesprengt hatte, posaunte Silvio Berlusconi heraus: Seit seiner Verurteilung habe er 59 schlaflose Nächte verbracht, jetzt aber – nach dem Regierungssturz – hätte er erst einmal zehn Stunden durchgeschlafen. Da kann man ja nur sagen: „Gute Nacht, Silvio – und süße Träume“.

Da staunt der Italiener und im Ausland wundert man sich: Noch am Freitag hatte der Cavaliere verkündet, Italien brauche politische Stabilität und er wolle die Regierung Letta nicht zum Rücktritt zwingen. Am Samstagnachmittag dann forderte er die Minister seiner Partei auf, von ihren Kabinettsposten zurückzutreten. Und fiel in einen tiefen Schlaf. Die Nächte zuvor hatte er seit dem definitiven Urteilsspruch des obersten italienischen Gerichts entweder in seinem römischen Palazzo oder in seiner Villa bei Mailand verbracht. Eingeschlossen, abgetaucht, immer weniger waren es seine Leute in Partei, Regierung und Parlament, die ihn umgaben, immer mehr nahmen diesen Platz seine Töchter und andere Frauen ein, die dem Cavaliere auf dem Weg zum Verlust des Senatoren-Postens das Händchen hielten.

Was in Italien derzeit geschieht, ist wie das Sterben des letzten Dinosauriers. Man kann sich außerhalb des Stiefelstaats gar nicht vorstellen, wie sehr Berlusconi die Herzen, den Solarplexus und das Gehirn der Italiener gefesselt hat, wobei die Schicht gewisser stark geschminkter Frauen ab fünfzig Jahren da am anfälligsten war. Aber auch den Gegnern fällt es schwer, sich von dem lieb gewordenen Feindbild Berlusconi zu trennen.

Der Dinosaurier stirbt und seine letzten Schwanzschläge sind unkontrolliert. Dass er per Videobotschaft die Wiedergeburt der „Forza Italia“ ankündigte, war pure Nostalgie. Dass gleich drei seiner Minister den jetzt von Berlusconi angeordneten Kurs in Richtung Parlamentsauflösung und Neuwahlen nicht mittragen wollen, zeigt, dass die Vernünftigen dem Cavaliere endgültig davonlaufen. Vor allem aber im Ausland richten die letzten Zuckungen des Sauriers ungeheuren Schaden an: Was sollen die Banken denken, die die italienischen Staatspapiere zu bewerten haben? Welches Unternehmen will in Italien investieren?

Das Land war dabei, trotz Rezession und hoher Arbeitslosigkeit ein Licht am Ende des Tunnels zu erblicken. Noch am Freitag verkündete Ministerpräsident Enrico Letta vor den Vereinten Nationen, dass Italien dabei sei, Stabilität und das Vertrauen der internationalen Politik zurückzugewinnen. Genau zur gleichen Zeit mussten in Rom die Parlamentarier des „Volks der Freiheit“ auf Druck des Cavaliere ihren schriftlichen Rücktritt als Abgeordnete für den Fall erklären, dass der italienische Senat den Ausschluss des verurteilten Berlusconi beschließt. Es ist der reine Wahnsinn.

Noch ist der Saurier stark genug, die Regierungspolitik seines Landes zu sabotieren. Morgen will das Parlament über die neue Lage debattieren. Die Vernünftigen – und Staatspräsident Giorgio Napolitano sowie Enrico Letta – haben eine letzte Chance. Aber die Aussichten sind nicht gerade rosig.

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