Berlin

Leitartikel: Argumentiert miteinander

Der öffentliche Meinungsdiskurs polarisiert sich immer mehr. Hier sind Christen gefragt: Sie sind ideale Moderatoren in diesem Streit.

Proteste gegen die aktuelle Coronapolitik
Teilnehmer der Proteste gegen die aktuelle Coronapolitik der Bundesregierung am Sonntag vor dem Brandenburger Tor. Foto: Christian Spicker via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Wir müssen reden: Männer wissen, wenn Frauen diesen Satz sagen, dann ist die Beziehung in Gefahr. Die Beziehung zwischen Regierten und Regierenden in Deutschland  ist ebenfalls alles andere als harmonisch. Aber so ein mahnendes Gesprächsangebot, einfach mal alle Probleme klar zu benennen, um dann endlich reinen Tisch machen zu können, wo ist es? Oder anders: Wer kann überhaupt noch so ein Gesprächsangebot machen, ohne dass ihm nicht sofort unterstellt wird, er würde doch insgeheim eigentlich nur Partei sei. Es wird ein Moderator gesucht.

Das andere Lager ist zum Feindbild geworden

Die öffentliche Meinung ist in Lager gespalten. Und immer mehr zeigt sich, dass diese Lager gar nicht darauf aus sind, miteinander in den argumentativen Austausch einzutreten. Das jeweils andere Lager ist zum Feindbild geworden. Das zeigt sich aktuell in der Corona-Debatte. Die Ursachen sind aber früher zu suchen, genauer vor fünf Jahren. Die Art und Weise, wie über die Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel diskutiert wurde, war prägend. Statt „Argumentiert miteinander“ galt die Losung „Empört Euch“. Emotionen standen und stehen im Vordergrund. Gewiss, hier wird einmal eine tiefere Ursachenforschung betrieben werden müssen. Doch diese Aufgabe sollten wir vorerst getrost den Historikern späterer Zeiten überlassen. Denn im Moment hat diese Gesellschaft nicht Zeit dazu. Wir haben genug damit zu tun, dass der Zug der öffentlichen Meinung nicht endgültig entgleist.

Und hier sind die Christen gefragt: Sie haben die Aufgabe, diese Moderatorenrolle zu übernehmen. Denn hier sind vor allem christliche Tugenden gefragt: Es wird wichtig sein, dazu in der Lage zu sein, Brücken zu bauen. Wir müssen alle mehr lernen, dem jeweils Anderen zuzuhören. Wir müssen auch bereit sein, manchmal vielleicht einen Halbsatz zu unterdrücken. Auch wenn wir ganz fest davon überzeugt sind, ihn unbedingt aussprechen zu müssen, weil er stimmt. Aber hier gilt zu prüfen: Bringt so ein Satz dann wirklich die Debatte voran. Oder geht es vielleicht doch eher um eigene Profilierung, die Lust an der Polemik wie an der gut gesetzten Pointe.

Der Glaube gibt die Kraft

Gewiss, alle diese Tugenden klingen auf den ersten Blick einfach, für manche mögen sie sogar banal sein. Aber sie müssen erst einmal im Alltag auch wirklich umgesetzt werden. Und jeder, der es versucht, weiß, dass das ganz schön schwierig werden kann. Für Christen sind solche Schwierigkeiten nicht neu. Sie wissen, was es heißt, sich in den Dienst zu stellen. Und sie wissen auch, wo sie Kraft finden, so einen Dienst tatsächlich leisten zu können.

Es ist der Glaube. Der Glaube gibt Kraft. Er befreit uns von Selbstverliebtheit, die nur um die eigenen Gedanken kreist und sich viel zu oft im Rausch der Empörung ergeht. Der Glaube gibt Gelassenheit, Ruhe. Und er verweist uns auf unsere Aufgabe, für das Gemeinwohl einzustehen. Auch dann wenn es anstrengend ist, wenn es schwierig, ja lästig wird. Und das ist es übrigens meistens.

Und so muss vielleicht auch nicht gesagt werden: „Argumentiert miteinander“. Sondern auch: „Betet.“ Im Gebet findet ihr Kraft, an der notwendigen Befriedung unserer Gesellschaft mitzuwirken. Christen, die in dieser Weise eine Moderatorenrolle übernehmen, sind das Beste, was der Gesellschaft passieren kann. Wir sollten beginnen. Schon am Frühstückstisch oder am Stammtisch kann es losgehen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.