Konklave kann bald beginnen

Über den Kardinälen ziehen die Schatten der Vergangenheit auf – Die Medien interessieren sich für Macht, Geld und Sex. Von Guido Horst
Foto: Reuters | Rüsten sich für die Papstwahl: Die 115 Kardinäle haben gestern den Termin für das Konklave festgelegt.
Foto: Reuters | Rüsten sich für die Papstwahl: Die 115 Kardinäle haben gestern den Termin für das Konklave festgelegt.

Rom (DT) Die 115 zur Papstwahl berechtigten Kardinäle sind in Rom versammelt und das Konklave kann beginnen. Gestern Nachmittag, so erklärte Vatikansprecher Federico Lombardi, sollte die Entscheidung über den Beginn der Papstwahl fallen, allerdings nach Redaktionsschluss dieser Zeitung.

Ein Ende des Vorkonklaves ist nun endlich in Sicht. Es ist auch höchste Zeit. Denn sie reden wieder. Die „Raben“. „Corvo“ nannte man den diebischen Kammerdiener des Papstes, der vertrauliche Papiere Benedikts XVI. an den Skandal-Journalisten Gianluigi Nuzzi weitergeleitet hatte. Der Prozess gegen den Butler Paolo Gabriele hatte den Anschein erweckt, als sei dieser ein Einzeltäter gewesen, der aus eigenem Antrieb den Kontakt zu Nuzzi gesucht und diesen mit den Papstpapieren versorgt hatte. Doch jetzt erschien am Donnerstag in der links-liberalen Tageszeitung „La Repubblica“ ein Interview mit einem nicht namentlich genannten Vatikanmitarbeiter, der sich ebenfalls als „Rabe“ bezeichnete und dem Journalisten von „La Repubblica“ versicherte, es sei nicht nur der Kammerdiener gewesen, der für den Fall „Vatileaks“ gesorgt habe, sondern es handele sich bei den „corvi“ um etwa zwanzig Personen im Vatikan, Männer und Frauen, Laien und Kleriker, die vor einem Jahr zu dem Entschluss gekommen seien, Papiere aus dem päpstlichen Appartement an die Presse weiterzuleiten, um den damaligen Papst auf Missstände in der Kurie aufmerksam zu machen und ihm zu helfen, den Verfall der Sitten im Vatikan zu bremsen. Es gehe bei den Missständen, so der anonyme „corvo“, um Seilschaften von Homosexuellen, um Macht und um Geld. Die Schuldigen seien auf allen Stufen angesiedelt, von Kardinälen bis hin zu einfachen Angestellten des Vatikans.

Das „Repubblica“-Interview ist nur eine der vielen Blüten, die das Vorkonklave in Rom derzeit treibt. War die Zeit vor der Papstwahl von 2005 geprägt von dem Eindruck des Sterbens von Johannes Paul II., von den vielen, zumeist jungen Menschen, die nach dem Tod des polnischen Papstes in der Ewigen Stadt zusammengeströmt waren, von jenem „heiligen Ernst“, der die Kirche damals ergriffen hatte, so sind die Tage nach dem Rücktritt Benedikts XVI. von den Skandalen überschattet, unter denen die römische Kurie in den zurückliegenden Monaten zu leiden hatte. Das Vorkonklave, das heißt die Generalkongregationen der in Rom anwesenden Kardinäle, gleicht deshalb immer mehr einer Synode – nicht von Bischöfen, sondern von Kardinälen –, die sich mit dem Zustand der Zentrale der katholischen Weltkirche befasst.

So soll gerade die „Vatileaks“-Affäre nach Ansicht mehrerer Kardinäle eines der Themen bei den Generalkongregationen bis zum Konklave sein. Immerhin gibt es da den mehr als dreihundert Seiten starken Geheimbericht der drei Ruhestandskardinäle, die im Auftrag von Benedikt XVI. die Hintergründe der Dokumentenflucht zu untersuchen hatten. Zwar hatte der emeritierte Papst verfügt, dass dieser Bericht lediglich seinem Nachfolger zugänglich sein soll. Über den Inhalt hatte es in italienischen Zeitungen zahlreiche Gerüchte gegeben. Die Rede war von Intrigen und homosexuellen Seilschaften in der Kurie, die der Bericht der Kardinals-Kommission angeblich dokumentiere. Aber inzwischen hat Vatikansprecher Federico Lombardi zu verstehen gegeben, dass die drei Kardinäle, die an den Generalkongregationen teilnehmen, durchaus das Einverständnis des emeritierten Papstes hätten, ihre Mitbrüder im Kardinalskollegium über die Ergebnisse ihrer Befragungen und Untersuchungen in Kenntnis zu setzen. „Wenn wir eine gute Entscheidung treffen wollen, müssen wir darüber sicherlich mehr Informationen haben“, zitierten die Medien bereits am Montag den südafrikanischen Kardinal Wilfrid Napier. Sein französischer Amtsbruder Philippe Barbarin sagte: „Wir wollen wissen, was im Vatikan passiert, der in den letzten Jahren etwas erschüttert worden ist.“ Auch Kardinäle aus den Vereinigten Staaten drängten auf mehr Informationen in der Affäre um die Dokumentenflucht. Der Erzbischof von Chicago, Kardinal Francis Eugene George, machte bei einem Pressegespräch in Rom deutlich, dass die amerikanischen Purpurträger „betroffenen Kardinälen“ einige Fragen zu dem Thema stellen wollten. Dem schloss sich auch der Oberhirte von Washington, Erzbischof Donald William Wuerl, an. Die Reaktion des Vatikans auf diese Presseerklärungen war die, den in Rom anwesenden Kardinälen aus den Vereinigten Staaten die regelmäßigen Pressekonferenzen mit Journalisten zu untersagen.

Das andere Thema in Rom, das die Zeit nach dem Rücktritt Benedikts XVI. und die Stimmung während des Vorkonklaves prägt, ist der von Klerikern begangene sexuelle Missbrauch von Jugendlichen und Schutzbefohlenen. Zwei Kardinäle haben dazu beigetragen: Der Schotte Keith O'Brien, der zugegeben hat, sich als Verantwortlicher eines Priesterseminars vor Jahren jungen Seminaristen „unangemessen“ genähert zu haben. Und der Amerikaner Roger Mahony, der wegen der Vertuschung von Missbrauchsdelikten von Klerikern seiner Diözese von allen seinen Ämtern als emeritierter Erzbischof von Los Angeles entpflichtet wurde, aber dennoch zum Konklave angereist ist. Dass der Kardinal O’Brien seine Teilnahme am Konklave abgesagt hat, geht eigentlich nicht, denn unter achtzig Jahre alte Kardinäle sind zur Teilnahme an einer Papstwahl verpflichtet, unabhängig davon, was ihnen als unsittlich oder falsch angelastet werden kann. Aber beide, O'Brien wie Mahony, sorgen für Schlagzeilen.

So haben jetzt Missbrauchsopfer in den Vereinigten Staaten eine schwarze Liste von Kardinälen für die Papstwahl veröffentlicht. Vatikansprecher Lombardi verurteilte diese Liste als Einmischung in das Konklave. Es stehe dem unter dem Kürzel SNAP agierenden Netzwerk nicht zu, darüber zu befinden, wer am Konklave teilnehmen dürfe. „Von den Kardinälen wird erwartet, dass sie ohne den Ratschlag von SNAP eine Entscheidung treffen“, erklärte Lombardi. Die Organisation hatte zwölf Kardinäle genannt, von denen einige als aussichtsreiche Kandidaten für die Nachfolge von Benedikt XVI. gelten. Die Organisation fordert ihr Fernbleiben vom Konklave. Zu den in der Liste des „Dreckigen Dutzends“ genannten Kardinälen gehören Erzbischof Dominik Duka von Prag, Timothey Dolan aus New York, Erzbischof Sean O'Malley von Boston und Donald Wuerl aus Washington, sodann der Argentinier Leonardo Sandri, George Pell aus Australien, der Kanadier Marc Ouellet, der aus Ghana stammende Kurienkardinal Peter Turkson, Oscar Rodriguez Maradiaga aus Honduras sowie Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, der Mailänder Angelo Scola und Norberto Rivera Carrera aus Mexiko. War das Vorkonklave von 2005 ganz von dem Andenken an den verstorbenen Johannes Paul II. erfüllt, so dient das Vorkonklave dieses Jahres dazu, schmutzige Wäsche zu waschen – nicht in den Generalkongregationen der Kardinäle, aber in den Medien, die die kommende Papstwahl mit Spannung erwarten.

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