Santiago

Kommentar: Zerstörungslust in Chile

Die Aggression gegen Gotteshäuser in der chilenischen Hauptstadt Santiago zeigt, dass es einigen Protestlern nicht nur um mehr soziale Gerechtigkeit geht, sondern um pure Zerstörungslust.
Kirchen in Santiaho stehen in Flammen
Foto: --- (Agencia Uno) | Die Kirche San Francisco de Borja steht in Flammen. Am Jahrestag der heftigen Proteste gegen soziale Ungleichheit und die konservative Regierung in Chile sind in der Hauptstadt Santiago de Chile mindestens zwei ...

„Die einzige Kirche, die erleuchtet, ist eine brennende Kirche“. So lautet der üble Spruch, den junge Leute in Chile nach den Brandstiftungen am Wochenende auf Instagram verbreiteten. Zwei alte Kirchen in Santiago wurden von den Flammen weitgehend zerstört, eine dritte angezündete Kirche in einer Provinzhauptstadt konnte gerettet werden. Die Aggression gegen die Gotteshäuser zeigt, dass es einigen Protestlern nicht nur um mehr soziale Gerechtigkeit geht, sondern um pure Zerstörungslust.

Kulturelle Elite zögerlich, die Ausschreitungen zu verurteilen

Immer wieder arteten Demonstrationen aus. Öffentliche Infrastruktur, Gebäude, auch Mitbürger wurden attackiert. Dahinter standen meist linksradikale Gruppen, aber auch aufgehetzte Jugendliche aus der Mittelschicht. Die kulturelle Elite des Landes, die sich als „progressiv“ versteht, war oft eher zögerlich, die Ausschreitungen zu verurteilen. Von Links hieß es oft, „die wahre Gewalt“ stecke im „unterdrückerischen kapitalistischen System“ und in der Polizei. Unbestritten hat es Gewaltexzesse und Übergriffe auch von Polizeiseite gegeben, diese müssen aufgeklärt und bestraft werden. Wahr ist auch, dass die Mehrheit der Demonstranten anfangs friedlich war, sich dann aber viele nur ungenügend von Gewalt distanzierten.

Einige im Lande hoffen, das Referendum an diesem Sonntag über eine neue Verfassung werde die Antwort auf die Krise liefern. Die Kritiker der alten Verfassung wollen dabei das wirtschaftsliberale Modell abschaffen. Dabei hat diese Wirtschaftsverfassung dem Land einen langen Aufschwung gebracht und es von einem der ärmsten zu einem der wohlhabendsten und am besten entwickelten Staaten Lateinamerikas gemacht, wobei unbestritten große Probleme bestehen, etwa der große informelle Arbeitssektor und die niedrigen Renten. Die linken Kritiker hegen Wunderglauben in eine neue Verfassung. Je höher sie die Erwartungen setzen, desto eher werden diese enttäuscht werden. Das ist ein schlechtes Omen für ein Land, das einst stabil war, aber seit gut einem Jahr von Ausschreitungen und Gewalt erschüttert wird, die auch vor Kirchen nicht mehr haltmacht.

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