Kommentar: Sport ist immer politisch

Von Johannes Seibel
Johannes Seibel
Foto: DT | Johannes Seibel.

Sport und Politik behaupten vom jeweils anderen, ihn nur flüchtig zu kennen und beileibe nichts miteinander zu tun zu haben – und doch weiß jeder, dass sie ein Paar sind, wo der eine ohne die andere nicht kann. Das gilt auch für Olympia.

Vier Beispiele: 1936 nutzte das national-sozialistische Deutschland die Spiele in Berlin fürs eigene Image in aller Welt. 1972 überfiel ein palästinensisches Terrorkommando die heiteren Spiele von München und tötete israelische Athleten. 1980 boykottierte der Westen die Spiele in Moskau, da die damalige Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert war. Und 2008 durfte Peking mit seinen Spielen beweisen, dass es möglich ist, ein anerkannter Produzent weltweit gesehener schöner Bilder für die Jugend der Welt zu sein, auch wenn man politisch Andersdenkende überwacht, drangsaliert und einsperrt.

Die wenigen Beispiele zeigen: Dass Sport und Politik nichts miteinander zu tun hätten, ist eine Floskel, die durch ihre ständige Wiederholung nicht wahr wird. Und deshalb sollte das Verhältnis nicht geleugnet, sondern mit Zivilcourage gefüllt sein. Was zuerst heißt: Der Sport kann Politik nicht verändern, weshalb Boykotte et cetera sinnlos sind. Aber der Sport und die Sportler müssen das Selbstbewusstsein haben, dort, wo sie auftreten, ihre Meinung zu politischen Verhältnissen zu sagen. Sie dürfen nicht vorauseilend Selbstzensur üben. Im Zweifelsfall ist nationale Politik immer eher vom Sport und dessen weltweiter Aura abhängig als umgekehrt. Der Sport sitzt am längeren, gleichsam nachhaltigeren Hebel.

1936 hat etwa der siegreiche farbige Sprinter Jesse Owens auf deutschem Boden die national-sozialistischen Ideologie ad absurdum geführt. Dass 1972 die Spiele in München weitergingen, hat die Terroristen ins Unrecht gesetzt – um nur zwei Beispiele zu nennen. Deshalb ist es umso unverständlicher und beschämender, dass gestern in der Eröffnungsfeier der XXX. Olympischen Spiele in London keine Zeit für ein Gedenken an die getöteten israelischen Sportler von 1972 geblieben war. Was wiederum belegt: Der Sport ist und bleibt politisch.

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