Kommentar: Sommerliche Hochgefühle

Von Til r. Schneider

Das Sommerloch existiert offenbar doch. Eigentlich durfte man davon ausgehen, die sogenannte saure Gurkenzeit sei längst Mediengeschichte. Das moderne Nachrichtengeschäft liefert im Internet pausenlos neue Meldungen. Was noch nicht heißt, dass alles, was da minütlich produziert wird, tatsächlich berichtenswert ist. Aber für Stoff ist permanent gesorgt. Sollte man meinen. Dass es nun sogar ein entlaufener Hund namens Flecki auf die Titelseite einer überregionalen Zeitung geschafft hat, muss aber doch als Indiz dafür gelten, dass Urlaubszeit ist und das Sommerloch auch online nicht vollständig gestopft wird. Auch Kanzlerin Angela Merkel urlaubt. Aber sie bestimmt dennoch Schlagzeilen. Der „Spiegel“ will erfahren haben, Merkel rüste sich für eine vierte Amtszeit. Wirklich überraschen kann das nicht, aber die Meldung machte in den Medien derart die Runde, dass man sich unwillkürlich an Hund Flecki und das Sommerloch erinnert fühlte.

Nun sind die Temperaturen im Sommer hoch, was dazu führen kann, dass nicht jeder einen kühlen Kopf behält. Aber so viel Denksport sollte auch bei Hitze drin sein: Wahlkämpfe werden nicht Jahre vorher entschieden. Und selbst satte Mehrheiten können unter dem Eindruck aktueller Entwicklungen schmelzen wie Eis in der Sonne. Insofern sind aktuelle Umfragen, die CDU/CSU derzeit bei einer eigenen Mehrheit sehen, mit Vorsicht zu genießen. Nichts lähmt mehr als politische Selbstzufriedenheit. Als Grund für die Stärke der Union nennen Meinungs- und Parteienforscher die Popularität der Kanzlerin. Auch CSU-Chef Seehofer hält mit Merkel als Spitzenkandidatin eine absolute Mehrheit der Union bei der Bundestagswahl für möglich. Das hat er beim ARD-Sommerinterview mit Blick auf die aktuellen Umfragen verraten. Angesichts solch sommerlicher Hochgefühle wäre es für CDU/CSU ratsam, die Zahlen auch mal von der anderen Seite zu lesen. Rot-Rot-Grün kommt in den Umfragen ungefähr auf die gleiche Stärke. Und dass die SPD derzeit eine peinliche Kanzler-Kandidatur-Debatte führt, heißt noch lange nicht, dass es am Ende nicht auch für das linke Lager reichen könnte. Nicht zuletzt deshalb sollte sich die Union selbstkritisch prüfen, was sie außer Merkels Popularität inhaltlich anzubieten hat. Schneller als gedacht kann es Herbst sein.

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