Kommentar: Nur eine Schlagzeile

Von Jürgen Liminski
Foto: DT | Jürgen Liminski.

Viel Lärm um nichts – wie bei Shakespeare, der das Stück vor gut 400 Jahren schrieb, ging es auch beim Besuch des ungarischen Ministerpräsidenten Orbán bei Altbundeskanzler Kohl um Sein und Schein, um Intrigen am Hofe, um Ehre und Erbe. Übersetzt in unsere Zeit heißt es: Die BILD-Zeitung blies ein paar Worte schlagzeilenträchtig zu einem Gegensatz auf – mehr Schein als Sein – und konstruierte damit einen Streit zwischen einem Architekten des heutigen Europa, Helmut Kohl, und seiner Nachfolgerin, Angela Merkel, die dieses Erbe in der Flüchtlingsfrage verprasse.

Aber es war eben nur eine Schlagzeile. Sie war, wie Orbán und Kohl in ihrer gemeinsamen Erklärung verlauten ließen, konstruiert (Intrige) und „weder in der Sache noch für die Menschen hilfreich“. Damit könnte es sein Bewenden haben. Und Orbán setzte noch eins drauf, indem er die zahlreichen Journalisten, die vor Kohls Haus in Oggersheim auf kleine oder große Ausrufezeichen für die Schlagzeile warteten, darum bat, Kohl „nicht in konkrete politische Auseinandersetzungen hineinzuziehen“. Mit anderen Worten: Es gibt politische Differenzen in der Flüchtlingsfrage, aber Kohl hat damit nichts zu tun. Kohl steht für das Ziel, das alle teilen: Frieden für Europa. Dafür hat er gearbeitet und gewirkt. Ob die Mittel, insbesondere die frühe Einführung des Euro in der jetzigen Form, immer angemessen waren, wird die Geschichte zeigen.

Falsch ist aber auch, Kohl und übrigens die gesamte politische Klasse (Ausnahmen waren Biedenkopf und Milbradt) von der Verantwortung für die Flüchtlingsproblematik freizusprechen, so als ob die Flüchtlingswelle wie ein Tsunami über Europa gekommen wäre. Die demographischen Entwicklungen waren seit Mitte der achtziger Jahre klar voraussehbar. Sie und die politischen und ideologisch-religiösen Gegensätze im islamischen Krisenbogen von Casablanca bis Taschkent haben den Druck erzeugt, den die Arabellion nur freisetzte. Dieses Versagen zu analysieren oder wenigstens zu benennen, wäre für ein großes Medienhaus mal eine Schlagzeile wert.

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