Kommentar: Jemens globale Dimension

Von Stephan Baier

Der Bürgerkrieg im Jemen war auch bisher ein Stellvertreterkrieg der Regionalmächte Saudi-Arabien und Iran. Mit der von Riad geführten Militärintervention ist er nun augenscheinlich über die Grenzen des bettelarmen Landes am strategisch wichtigen Golf von Aden getreten. Der Krieg um den Jemen ist also längst kein Bürgerkrieg mehr. Er hat eine religiöse Dimension, denn Saudi-Arabien – dessen wahhabitische Staatsdoktrin eine radikale Spielart des sunnitischen Islam ist – führt eine Sunniten-Allianz gegen die schiitischen Huthi, die als Bodentruppen des schiitischen Iran gelten. Er hat eine regionalpolitische Dimension, weil die Regionalmacht Saudi-Arabien damit unter ihrem neuen König demonstriert, dass sie eine Machtausweitung des Konkurrenten Iran vor der eigenen Haustüre mit allen Mitteln zu verhindern bereit ist. Nicht zufällig trägt die von Riad geführte Militäroperation den Namen „Sturm der Entschlossenheit“. Doch der Krieg um den Jemen hat auch eine internationale Dimension: Saudi-Arabien wird vom Westen (auch von Deutschland) hochgerüstet – nicht als Entwicklungshilfe, sondern für viele Milliarden Dollar aus dem Erdölgeschäft. Gleichzeitig leidet die Wirtschaft des Iran unter internationalen Sanktionen, die keineswegs nur militärisch relevante Güter betreffen.

Im schiitisch-sunnitischen Ringen, das im Jemen als iranisch-saudischer Konflikt ausgetragen wird, ist der Westen (auch Deutschland als Waffenexporteur) also kein neutraler Beobachter, sondern Kriegspartei. Um das verstehen und einordnen zu können, hätten Teheran und die schiitische Welt die Versicherungen des US-Außenministeriums, Washington unterstütze Saudi-Arabien mit Logistik und Geheimdienstinformationen, nicht gebraucht. Während Washington so tut, als würde es mit dem Iran über dessen Atomprogramm seriös verhandeln, hat Saudi-Arabien neuerlich bewiesen, dass es Amerika im Ringen der Regionalmächte jederzeit gegen den Iran in Stellung bringen kann. Für die zu Verschwörungstheorien neigende schiitische Welt dürfte damit wieder einmal bewiesen sein, dass man dem Westen nicht vertrauen kann.

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