Kommentar: Homophobes Deutschland?

Von Stefan Rehder
Foto: DT | Stefan Rehder.
Foto: DT | Stefan Rehder.

Ist Deutschland homophob? Dergleichen könnte meinen, wer den anschwellenden Bocksgesang, der sich seit dem „Coming-Out“ des homosexuellen Ex-Fußballprofis Thomas Hiztlsperger via Talk-Shows, Internet und Zeitungen über die Republik ergießt, für bare Münze nähme. In Wirklichkeit kann davon keine Rede sein. Schon dass die Debatte derart raumgreifend geführt werden kann, wie sie geführt wird, zeigt, dass hier ein vermeintliches Tabu inszeniert, statt ein echtes gebrochen wurde. Was tabu ist, füllt weder Zeitungen, noch flimmert es zur besten Sendezeit über die Bildschirme. Auch animiert das, worüber nicht gesprochen werden darf, nicht Scharen von Prominenten und andere, die von ihrem „guten Ruf“ leben, zu stürmischen Beifallskundgebungen. In einem wirklich homophoben Land, in dem Hinz und Kunz fürchten müssen, wegen ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert zu werden, wäre der „Christopher Street Day“ kein Medienereignis, gäbe es weder homosexuelle Spitzenpolitiker und TV-Moderatoren, noch Promifriseure oder Fernsehköche, die sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen. Denn in einem wirklich homophoben Land würden diese einfach nicht gewählt, könnten keine Einschaltquoten einfahren oder es als Werbeikone zu Ansehen und Wohlstand bringen. Deutschland ist also kein homophobes Land. Und das ist gut so!

Deutschland ist vielmehr ein embryophobes Land. Deswegen wagen nicht einmal mehr Christdemokraten in diesem Land, am Paragrafen 218 zu rütteln. Deshalb haben es Gynäkologen, Hebammen und Apotheker schwer, die sich weigern, an vorgeburtlichen Kindstötungen mitzuwirken, noch einen Arbeitgeber zu finden. Weil Deutschland ein embryophobes Land ist, lassen sich die Talks-Shows und Leitartikel, in denen etwa die psychischen Folgeschäden thematisiert wurden, die Frauen nach Abtreibungen oder „fetalen Reduktionen“ nach Mehrlingsschwangerschaften davontragen, an den Fingern einer Hand abzählen. Deswegen ist der jährliche „Marsch für das Leben“ kein Medienereignis, sondern eines, das des Polizeischutzes bedarf.

Themen & Autoren

Kirche