Kommentar: Franziskus reist, um zu trösten

Von Stephan Baier
Foto: DT | Stephan Baier.
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Trösten, heilen, ermutigen, versöhnen, aufbauen – das sind die Kriterien der Reisepolitik von Papst Franziskus. Beim vielsprachigen und polyglotten Johannes Paul II. gab es auch eine spürbare Leidenschaft, sogar physisch global präsent zu sein – der Pfarrer der Welt eben. Franziskus treibt nicht die Faszination für Sprachen, Kulturen und Völker, sondern die Verantwortung des Seelsorgers für die Armen, Hungernden, Unterdrückten, Entrechteten, Benachteiligten ins Flugzeug. Für Jubiläen oder Kulturelles nimmt sich der Papst aus Lateinamerika keine Zeit. Er will Weinende, Verletzte, Leidende umarmen und trösten. Darum ist Europa nicht mehr im Zentrum der päpstlichen Reiseplanungen: Nicht weil die Kirche in Asien, Afrika und Lateinamerika stärker wächst als im alten Europa, sondern weil sie sich mit Armut, Korruption, Unrecht, Kriegen und Bürgerkriegen konfrontiert sieht, zieht es Franziskus dorthin.

Dieser Papst managt die Kirche als „Feldlazarett“ für eine in nie endenden Kämpfen verwundete Menschheit. Selbst innerhalb Europas bestimmt das die päpstlichen Reisen: Er eilte nach Lampedusa, um der Welt die Flüchtlingstragödie vor Augen zu führen, reiste nach Albanien, um die Opfer des atheistischen Totalitarismus im „Armenhaus Europas“ zu trösten, schaute bei Europarat und Europaparlament kurz vorbei, um Mahnworte an die Verantwortlichen zu richten. Nicht nach Spanien oder Polen führt ihn seine nächste Europa-Reise, sondern nach Sarajevo. Am 6. Juni reist Franziskus für ein paar Stunden in die Hauptstadt Bosnien-Herzegowinas, weil die Wunden des mörderischen Bruderkriegs noch nicht vernarbt sind, weil das Land politisch zerrissen, in seiner Staatlichkeit gescheitert, sozial am Boden und konfessionell in Spannung ist. Franziskus vertrödelt seine Zeit nicht mit aufgeklärten Wohlstandseuropäern, die mit überheblicher Attitüde die Kirche danach beurteilen, wie weit sie ihrer ideologischen Agenda entspricht. Er wendet sich den von der Welt Vergessenen zu, die in Not, Elend und Verlassenheit den Blick hoffend auf den Papst richten, weil sie von ihm Trost und Wegweisung erwarten.

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