Kommentar: Druck auf Pakistan nötig

In Pakistan verläuft die Front zwischen zwei Weltbildern: Von Michaela Koller

Die mindestens zwei Prozent Christen in Pakistan und Angehörige anderer Minderheiten sind ernüchtert von ihrem Hoffnungsträger, Premierminister Imran Khan. Der international bekannte Sportler, der 1992 die Weltmeisterschaft als Kapitän der pakistanischen Cricket-Nationalmannschaft errang, und vielfach engagierter Wohltäter brachte das Image mit ins Amt, zu seinem Wort zu stehen und mit eiserner Hand gegen die Fundamentalisten im Land vorzugehen. Noch am Tag des Freispruchs der pakistanischen Christin Asia Bibi vom Vorwurf der Beleidigung des islamischen Propheten Mohammed sagte er unmissverständlich, die pakistanische Regierung achte das Urteil, gegen das die Islamisten protestierten. Nur zwei Tage später schwenkte er um: Asia Bibi darf nicht mehr ausreisen. Triumphierend gab ein Sprecher der Extremisten-Partei TLP nach der Übereinkunft mit der Regierung bekannt, dass diese sich dafür entschuldigt habe, die Gefühle der Muslime verletzt zu haben. Millionen Islamisten feiern nun die Kapitulation von Demokratie und Rechtsstaat: Brandschatzungen, Attentate, Aufrufe zum Mord an der Freigesprochenen, Drohungen gegen Richter, alles ist nun nachträglich legitimiert.

Dieser und andere Blasphemiefälle zeigen: In Pakistan verläuft wirklich die Front zwischen zwei Weltbildern: auf der einen Seite das legalistisch-islamische Rechtsverständnis, das die Welt zwischen Muslimen und Ungläubigen aufteilt, und sich anmaßt, über die Rechtsansprüche Gottes urteilen zu können, auf der anderen Seite das seit der Antike gewachsene Menschenrechtsverständnis, das in der Zeit Britisch-Indiens im Rechtssystem dort Fuß fasste. Seit der Militärdiktatur (1977 bis 1988) wird Letzteres zurückgedrängt, etwa durch die Einführung mehrerer Blasphemiegesetze, bei deren Auslegung besonders Ahmadi-Muslime und Christen ins Fadenkreuz geraten. Über den Fall Asia Bibi ist ein Machtkampf entbrannt, der durch den weltweiten Einsatz für die Freilassung über Pakistans Grenzen hinaus reicht. Nun müssen die Regierungen der freien Welt Druck auf Pakistan ausüben, damit sie Asia Bibi sicheres Geleit in ein Asylland garantiert. Ansonsten haben die Verteidiger der Menschenrechtsidee die Schlacht verloren. Siehe Seite 7

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