Kommentar: Die Logik des Kriegs in Nahost

Es gibt Kräfte in Nahost, die den Frieden nicht wollen. Das hat der Mordanschlag der Hamas auf vier Israelis am Dienstag ebenso bewiesen wie die Reaktion des israelischen Siedlerrates, der die aggressive Siedlungsexpansion sofort wieder aufnehmen will. Die Radikalen der sich misstrauisch gegenüberstehenden Seiten scheinen verfeindet, tatsächlich aber sind sie Verbündete im Kampf gegen den Frieden. Die Hamas will die Konfrontation mit Israel, weil sie die Israelis als Feinde und Besatzer sieht, weil sie ihrem Friedenswillen nicht traut, weil sie meint, im Krieg gegen Israel die arabischen Staaten zur Solidarität zwingen zu können, und weil sie an einen Endsieg glaubt. Die Siedlungsbewegung und ihre politischen Verbündeten wollen die Konfrontation mit den Palästinensern, weil sie die arabische Bevölkerung für unterentwickelt und unbelehrbar halten, weil sie ihrem Friedenswillen nicht trauen, weil sie meinen, im Kampf gegen die Palästinenser die USA zur Solidarität zwingen zu können, und weil sie Israel für ein modernes Sparta halten, das im permanenten Kriegszustand die größte Sicherheit genießt.

Beide Radikalen – die Hamas wie die Siedlungsbewegung – folgen der gleichen fatalen Logik: der des Kriegs. Und beide bringen jene unter Rechtfertigungsdruck, die den mühevolleren, schwierigeren, aber einzig aussichtsreichen Weg beschreiten wollen: den Weg eines Friedens durch Interessensausgleich. Auch das liegt in der Logik des Kriegs: Wer meint, den Gegner besiegen und unterwerfen zu können, wird jeden Friedensvermittler zum Saboteur, jeden Friedensverhandler des eigenen Lagers zum Hochverräter erklären. Der Mordanschlag der Hamas und die Aufforderung der Siedlungsbewegung, die Expansion fortzusetzen, dienen dem gleichen Ziel: die von den USA erzwungenen neuen Nahost-Verhandlungen scheitern zu lassen, um so die eigene Skepsis bestätigt zu sehen. Aller Friedenswille auf internationaler Ebene (in Washington und Brüssel) wie in der Region (in Kairo und Amman) wird vergebens sein, wenn die Kriegstreiber und Konfliktschürer bei Israelis und Palästinensern die Oberhand gewinnen.

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann