Kommentar: Den Riss wieder kitten

Von Guido Horst
Foto: DT | Guido Horst.

Der synodale Prozess zu Ehe und Familie und das abschließende Papstschreiben „Amoris laetitia“ haben die Kirche gespalten. Der Riss geht durch die Gläubigen, aber auch durch Priesterseminare, geistliche Gemeinschaften, die römische Kurie und den Weltepiskopat. Die einen freuen sich über die Öffnung, die Franziskus in der Seelsorge denjenigen gegenüber zeigt, die in sogenannten „irregulären Beziehungen“ leben, die anderen misstrauen dem Papst, so als wolle er in der kirchlichen Lehre eine Fünf auch einmal gerade sein lassen.

Gestern Abend ist der Papst beim Weltjugendtag in Krakau den Bischöfen Polens begegnet. Anders als die Laien sind gerade der Episkopat und Klerus Polens, die in ihrer großen Mehrheit fest zu Johannes Paul II. stehen, wenig überzeugt von den Absichten des amtierenden Papstes, treu auf dem Boden der Lehre des großen Heiligen aus Krakau zu stehen, etwa zu dessen Schreiben „Familiaris consortio“. Der Erzbischof von Warschau, Kardinal Kazimierz Nycz, erklärte den Graben in einem Interview im Mai mit Blick auf sein Land eher diplomatisch: „Es gibt keinen Zweifel, dass Papst Franziskus von den Laien anders wahrgenommen wird als vom Klerus“ – um einen Vergleich folgen zu lassen: „Im vierten Jahr des Pontifikats von Papst Franziskus“, so der Kardinal, „haben wir hier eine ähnliche Situation wie bei Johannes Paul II. In Lateinamerika haben ihn die Laien in begeisterter Weise angenommen, aber wegen seiner Haltung zur Befreiungstheologie und wegen anderer Gründe nahmen ihn dort die Bischöfe und Priester anders wahr.“

Wenn der Glaubenspräfekt Gerhard Kardinal Müller erklärt, „Amoris laetitia“ sei im Licht der Lehre der bisherigen Päpste zu lesen, und Wiens Kardinal Christoph Schönborn das Gegenteil meint, eben dass die Lehrtradition nun im Lichte von „Amoris laetitia“ zu interpretieren sei, dann ist das genau der genannte Spalt, der aber nur zu einer Verunsicherung der einfachen Gläubigen führen kann. Diese Verunsicherung abzubauen, wäre eine der schönsten Früchte des Weltjugendtags in Polen.

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