Kommentar: Augenmaß versus Heuchelei

Von Stefan Rehder

Die Erregung, mit der die Opposition auf die in dieser Woche vom Bundesjustizministerium an Länder und Verbände versandten Eckpunkte zur rechtlichen Regelung religiös motivierter Beschneidungen reagieren, ist nicht nur maßlos überzogen, sondern auch in hohem Maße verlogen. Es sei „erschreckend, dass das Recht auf körperliche Unversehrtheit bei den Überlegungen der Bundesregierung offensichtlich nur eine untergeordnete Rolle spielt“, tönen jetzt die kinderpolitischen Sprecher der SPD, der Grünen und der Linke, also jener Parteien, deren Mitglieder die straffrei gestellten vorgeburtlichen Kindstötungen für eine Errungenschaft der Zivilisation halten. Mehr noch: Ginge es nach den Linken, wäre die Tötung eines Kindes im Mutterleib nicht einmal mehr „rechtswidrig“. Und auch bei SPD und Bündnis 90/Die Grünen sympathisieren immer noch viele mit der Forderung, den Paragrafen 218 aus dem Strafgesetzbuch zu streichen. Wer jedoch die Tötung unschuldiger, wehrloser Kinder im Mutterleib zum „Frauenrecht“ stilisiert, aber wegen des Verlustes der Vorhaut bei Säuglingen auf die Barrikaden geht, der muss sich den Vorwurf der Heuchelei gefallen lassen. Dies umso mehr, als die Eckpunkte, die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger zur Stellungnahme versenden ließ, tatsächlich einmal Augenmaß beweisen. Danach will die FDP-Politikerin das Bürgerliche Gesetzbuch ändern lassen. Künftig soll die dort geregelte „Personensorge“ auch das Recht von Eltern umfassen, „in eine medizinisch nicht erforderliche Beschneidung des nicht einsichts- und urteilsfähigen männlichen Kindes einzuwilligen, wenn diese nach den Regeln der ärztlichen Kunst durchgeführt werden soll“. Genitalverstümmelungen von Mädchen würde damit ebenso ein Riegel vorgeschoben wie der absurde Umstand aus der Welt geschafft, dass Ärzte und Rabbiner, die Knaben beschneiden, um sie gemäß eines tausende Jahre alten Ritus in die jüdische Glaubensgemeinschaft aufzunehmen, fürchten müssen, zusammen mit Mördern und Totschlägern einzusitzen.

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