Kommentar: Arzt und Gewissen

Von Stefan Rehder
Stefan Rehder
Foto: DT | Stefan Rehder.

Auch wenn der Fall des Chefarztes der Gynäkologie der Capio-Elbe-Jeetzel-Klinik komplizierter ist, als es zunächst scheinen mag (siehe Seite 3), lässt sich aus ihm eine Menge lernen. Zunächst von Thomas Börner selbst. Der Baptist, der in der Dannenberger Klinik noch die dortige Gynäkologie leitet, hat 26 Jahre als Frauenarzt gewirkt, ohne eine einzige vorgeburtliche Kindstötung vorzunehmen. Insofern ist Börner der lebende Beweis dafür, dass es möglich ist, den Beruf des Gynäkologen auszuüben, ohne Abtreibungen vorzunehmen. Leicht ist das nicht. Im Gegenteil: Wie die jüngste Entwicklung des Falles zeigt, erfordert es mitunter eine Heldennatur. Das Zweite, was der Fall Börners lehrt, ist, dass ein Gynäkologe, der Abtreibungen ablehnt, offenbar nur dann als Chefarzt wirken kann, wenn auch die Klinikbetreiber Abtreibungen für das erachten, was sie sind: in sich schlechte Handlungen, für die kein Arzt Hände haben dürfte. Denn der evangelikale Christ scheiterte in Dannenberg nicht daran, dass er selbst keine Abtreibungen vornehmen wollte – das wäre wohl toleriert worden – sondern daran, dass er diese auch den Mitarbeitern seines Verantwortungsbereichs verbieten wollte. Nun könnte jemand versucht sein einzuwenden, da es kein kollektives Gewissen gebe, habe Börner ein solches Verbot gar nicht anordnen dürfen. Anders formuliert: Ärzte, die wollten, dass man ihr Weigerungsrecht respektiert, müssten auch das Gewissen anderer respektieren. Angesichts der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, das selbst die Spezialisierung von Gynäkologen auf Abtreibungen durch die „Berufsfreiheit“ des Arztes gedeckt sieht, scheint ein solcher Einwand schwer zu wiegen.

Katholiken wissen jedoch, dass das Gewissen kein Synonym für „persönliche Ansichten“ ist, sondern ein Urteil der Vernunft, in welchem der Mensch erkennt, ob eine Handlung sittlich gut oder schlecht ist. Ob das Gewissen richtig urteilt oder irrt, hängt daher ganz wesentlich auch vom Grad seiner Bildung ab. Die wiederum erfolgt anhand von objektiven Kriterien, deren Wichtiges lautet: „Es ist nie erlaubt, etwas Böses zu tun, damit daraus etwas Gutes hervorgehe.“ Einen unschuldigen, wehrlosen Menschen zu töten, ist immer böse. Wer das mit seinem Gewissen zu vereinbaren können glaubt, dessen Gewissen irrt.

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