Washington

Kommentar: Amerikas Zerrissenheit

Auch nach der Wahl bleiben die USA gespalten. Der Kampf um die Seele und Richtung der westlichen Supermacht ist im Grunde so alt wie Amerika selbst.
Präsidentschaftswahlen in den USA
Foto: Matt York (AP) | Anhänger von Präsident Donald Trump schwenken während einer Wahlparty eine Flagge. Trump ist Symptom der Spaltung des Landes, lebt von ihr und sucht sie zu vertiefen.

Linksliberale Ostküstenbeobachter und europäische Kommentatoren wünschten einen Erdrutschsieg Joe Bidens herbei. Dieser ist nun ausgeblieben. Nach vier Jahren Trump haben die US-Wähler dem Amtsinhaber, dem angeblich nichts gelingen wollte, wohl eine knappe Niederlage verschafft, ihn aber auf keinen Fall vom Hof gejagt. Amerika hat einmal mehr seine ganze innere Zerrissenheit offenbart. Und Trump ist Symptom dieser Spaltung, lebt von ihr und sucht sie zu vertiefen. Gemacht hat er sie nicht. 

Auf Werten der Aufklärung basierende Willensnation

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Der Kampf um die Seele und Richtung der westlichen Supermacht ist im Grunde so alt wie Amerika selbst. Amerika war seit seiner Gründung ein Projekt, eine auf Werten der Aufklärung basierende Willensnation. Doch schon die Founding Fathers mussten polarisierende Fragen beantworten, die sich in organisch gewachsenen Staaten so scharf nicht stellen: Mehr Zentral- oder mehr Bundesstaat? Wie stellt man sich zum europäischen Staatensystem? Isoliert man sich? Mit der zunehmenden Einwanderung von Menschen, die nicht zur Gruppe der staatstragenden weißen angelsächsischen Protestanten gehörten, verschärften sich die inneren Spannungen. Irisch- und italienisch-stämmige Katholiken wissen, was gemeint ist. Im Bürgerkrieg mit den Südstaaten ging es auch nicht nur um die Frage der Sklavenhaltung. Es wurde auch um ein Gesellschaftsmodell Krieg geführt. Mit der Bürgerrechtsbewegung der 60er Jahre stellte sich die Rassenfrage mit nie gekannter politischer Schärfe. Die Culture wars der 90er zerreißen das Land bis heute. Besonders die Frage der Abtreibung und der traditionellen Ehe polarisiert.

Eine dermaßen gespaltene Nation bringt Ergebnisse wie das aktuelle hervor. Das Mehrheitswahlrecht zusammen mit dem unseligen Wahlmännersystem verschärft es. Mag Biden im Ton verbindlicher sein und auf die Funktionsfähigkeit der demokratischen Institutionen Wert legen: Auch er ist in gesellschaftspolitischen Fragen klar positioniert. Amerika bleibt gespalten. So oder so.

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