Kommentar: Afghanistan nicht aufgeben

Von Oliver Maksan
Foto: DT | Oliver Maksan.

Die Eroberung von Kundus am Montag durch Talibankämpfer ist keine Kleinigkeit. Erstmals seit 2001 ist es den islamischen Fundamentalisten damit gelungen, eine Provinzhauptstadt zu erobern. Dass die Bundeswehr bis zu ihrem Abzug jahrelang für das Gebiet zuständig war, erzeugt in Deutschland den Eindruck, die ohnehin nie populäre, meist von öffentlichem Desinteresse begleitete Kampagne am Hindukusch sei vergeblich gewesen.

Tatsächlich deckt der Angriff zahlenmäßig unterlegener Taliban-Kämpfer die fatale Schwäche der mit westlicher, auch deutscher Hilfe trainierten afghanischen Streitkräfte auf. Dass diese seither – allerdings nicht ohne amerikanische Unterstützung aus der Luft – wieder Boden gut machen konnten, ändert daran nichts. Auch fast 14 Jahre nach dem Beginn des westlichen Einsatzes und trotz vieler ins Land geflossener Milliarden können Afghanistans Sicherheitskräfte das Land nicht unangefochten kontrollieren. Unter anderem Korruption und mangelnde Koordination stehen dem entgegen. Und nicht zuletzt ein entschlossener Feind. Auch Afghanistans neuer Präsident Aschraf Ghani steht entblößt da. Hoffnungen, die Taliban würden nach dem Tod ihres Anführers Mullah Omar zerfallen, haben sich trotz zutage getretener interner Spannungen nicht bewahrheitet. Dem neuen Führer Mullah Mansur wird durch die zeitweilige Einnahme von Kundus vielmehr neue Autorität zuwachsen.

Die Leidtragenden sind die Menschen, die immer mehr zwischen die Fronten geraten. Seit weniger Geld ins Land fließt und westliche Truppen in großer Zahl abgezogen sind, bricht die Wirtschaft weiter ein, die ohnehin nie auf eigenen Füßen stand. Immer mehr Menschen werden deshalb Afghanistan verlassen und in Richtung Europa ziehen. Unter ihnen sind gerade die gut Ausgebildeten. Man darf Afghanistan dennoch nicht aufgeben. Die Taliban sind nach wie vor eher in der Lage zu destabilisieren, denn zu kontrollieren. Für den Westen, Deutschland eingeschlossen, heißt das allerdings auch, dass man Afghanistans Staub von den Stiefeln wird nicht so schnell abschütteln können.

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann