Kommentar: Abbas' letzter Schachzug

Von Stephan Baier

Bis zuletzt hat Israels Regierung versucht, die Einigung zwischen den bisher verfeindeten Palästinenserregierungen – der unter Mahmud Abbas im Westjordanland regierenden Fatah und der im Gazastreifen herrschenden Hamas – zu verhindern. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu appellierte noch am Vortag der Unterzeichnung des Vertrags am Mittwoch in Kairo an Abbas, stattdessen „den Weg des Friedens mit Israel“ zu wählen. Genau das aber hatte der Palästinenserpräsident bis zur Selbstaufopferung und über die Grenzen der persönlichen Resignation hinaus getan: Abbas hat viel Geduld bewiesen, Demütigungen inklusive. Worauf hätte er nun noch hoffen können, nachdem die US-Regierung vor der Sturheit der Siedler und den ideologischen Fieberschüben des fanatischen Außenministers Lieberman kapituliert hatte? Mit welchem Argument hätte er seinem Volk Hoffnung auf ein Leben in Gerechtigkeit, Freiheit und Würde machen können, nachdem Barack Obama seiner Nahost-Friedensinitiative ein Begräbnis allerletzter Klasse zugebilligt hatte? Wie hätte sich Abbas, nachdem ihn Israel mit Fußtritten vom Verhandlungstisch verjagt hatte, dem Druck arabischer Nachbarn auf eine inner-palästinensische Einigung verschließen können?

Nein, abgesehen von einem stilvollen öffentlichen Harakiri war ein Kompromiss mit der Hamas der letzte politische Schachzug, den Abbas noch setzen konnte. Da er das Hauptproblem seines Volkes – die anhaltende Besatzung und die Verweigerung eines souveränen, lebensfähigen Palästinenserstaates – nicht lösen konnte, hat er sich dem zweiten Problem zugewandt: der chronischen Zerstrittenheit der politischen Repräsentanten. Da ein Kompromiss mit der israelischen Regierung nicht machbar war, da sich Washington schulterzuckend abwandte und aus Europa nichts als Papier (Geld und Resolutionen) kommt, suchte und fand Abbas das, was die Araber von ihm erwarten: den Schulterschluss der Palästinenser. Jetzt scheint Israel plötzlich zu bemerken, dass es mit seiner Kompromisslosigkeit eine Chance verspielt hat.

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