Kolumne: Biopolitik: Die wandernde Front

Von Maria-Luise Schneider
Foto: privat | Marie-Luise Schneider.
Foto: privat | Marie-Luise Schneider.

Üblicherweise erscheint diese Kolumne auf unserer Seite „Wirtschaft und Soziales“. Aufgrund der Dokumentation des Abschlussberichtes der Familiensynode entfiel am vergangenen Wochenende die Wirtschafts-Seite. Daher holen wir die Kolumne heute ausnahmsweise im Politik-Ressort nach.

Als die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff im Frühjahr dieses Jahres ihre „Dresdner Rede“ hielt, schlugen die Wellen der Empörung hoch. In ihrem Geständnis, dass in vitro erzeugte Kinder ihr wie seltsame „Halbwesen“ erschienen, sah eine vereinte Riege von Journalisten einen gravierenden Fall der Menschenverachtung. Zu Recht hat sich die Autorin für genau diesen Punkt anschließend entschuldigt, da diesen Kindern durch die Art ihrer Zeugung in der Tat nichts Menschenartiges abgeht. Die übrigen Teile ihrer Rede nahm sie nicht zurück, und das ist auch gut so, denn ihr biopolitischer Zwischenruf war bitter nötig.

Die extrakorporale Befruchtung hat zu Entwicklungen geführt, die die damaligen Bedenken der katholischen Kirche als geradezu naiv erscheinen lassen. Die Technik hat sich abgelöst von ihrem ursprünglichen Zweck, Fruchtbarkeitsstörungen bei Paaren zu kompensieren. Sie wird Mittel für Selektionsprojekte frivoler Art. Man denke etwa an Fälle von tauben Eltern in Großbritannien, die per Präimplantationsdiagnostik (PID) gezielt taube Nachkommen auswählen wollten. Oder an die massenhaft praktizierte Geschlechtswahl durch Präimplantationsdiagnostik in den USA und in einer Reihe weiterer Länder, entweder unter dem süßlichen Label des „family balancing“ oder zur Eliminierung weiblicher Nachkommen. Der Geist ist längst aus der Flasche. Wozu Keimbahnmanipulation, Klonierung oder gar Chimärenbildung noch führen werden, wird man abwarten müssen. Möglicherweise wird es in gar nicht so ferner Zeit nicht mehr in jedem Falle so selbstverständlich sein, von „Menschen wie du und ich“ zu sprechen.

Daneben ermöglichen Eizellspende und Embryonenspende, ob mit oder ohne Verkopplung mit einer Leihmutterschaft, die teils symbolische, teils reale Dekonstruktion von Familie als Abstammungs- und Verwandtschaftsverbund. Das Neue ist die biologisch-genetisch gespaltene Mutterschaft, im Falle der Leihmutterschaft noch kombiniert mit einer weiteren, der „sozialen“ Mutter, sofern überhaupt eine weibliche Person zu den Bestelleltern gehört. Darf das Kind aus einer Samenspende sich nach der Geburt immerhin an der Brust seiner Mutter wiederfinden, muss der Säugling aus Leihmutterschaft mit irgendeiner Brust vorlieb nehmen. Ein neues moralisches Dogma etabliert sich im Zuge der verschiedenen Formen der Trennung und Rekombination von Geschlechtszellen und Elternschaft: Wenn dabei ein Mensch herauskommt, ist jede Kritik an der Art und Weise seiner Entstehung tabu. Über all dem schwebt schließlich noch eine seltsame Umdeklarierung der Familie in einen Wahlverbund von Menschen, die sich gegenseitig „ganz doll lieb haben“ und „Verantwortung füreinander übernehmen“. Damit wird das, was Familie ausmacht, auf sentimentale Weise vereinseitigt und verzerrt.

Eines der aktuellen biopolitischen Kampffelder ist die Leihmutterschaft, in Deutschland derzeit noch strafrechtlich verboten, allerdings nur die Vermittlung und die medizinische Assistenz. Einige Fälle von Paaren und Einzelpersonen, die ein von einer Leihmutter im Ausland geborenes Kind als ihr eigenes in Deutschland abstammungsrechtlich anerkennen lassen wollen, beschäftigen bereits die Gerichte in verschiedensten Varianten. So begehrte etwa der biologische Vater eines Kindes, als einziges Elternteil auf dem Geburtsschein eingetragen zu werden. Die Leihmutter (und – wenn nicht mit ihr identisch – auch die genetische Mutter), wird damit buchstäblich ausgelöscht. Während die klassische Adoption ein nicht mehr vermeidbares Unglück eines Kindes heilen soll, setzen sich hier geplanter Verrat, Lüge und reale Verwirrung an den Beginn einer Existenz. Zur Rechtfertigung wird das „Kindeswohl“ herangezogen. Die Mutter hat das Kind abgetreten, sie ist angeblich unbekannt oder will nicht bekannt sein, und das Kind muss ja irgendwo hin. Voila, die Bestelleltern stehen bereit. Eine perfekte Erpressungssituation.

Die Schraube dreht sich weiter. Bald wird der Satz, jeder Mensch habe einen Vater und eine Mutter, vielleicht nicht mehr stimmen. Neuen Meldungen zufolge wird es möglich sein, Embryonen aus den Zellen eines einzigen Menschen oder auch zweier Männer oder zweier Frauen zu erzeugen. Bald wird wohl ein „Halleluja“ erklingen für den damit endlich erreichten Fortschritt in der Gleichstellung beim Zugang zu biologischer Elternschaft für Singles und homosexuelle Paaren – wobei „ungerechterweise“ die Männer nach wie vor auf eine Leihmutter angewiesen sein werden.

Die neuen Möglichkeiten, „Elternschaft“ zu erlangen, werden meist mit der Abschaffung von Benachteiligungen oder Diskriminierungen begründet. Das ist aber schlicht verfehlt. Es ist vielmehr an der Zeit, der Vorstellung entgegenzutreten, dass es für jeden natürlichen Unterschied in der Zeugungs- und Gebärfähigkeit oder der Neigung zu heterosexueller Betätigung eine passgenaue technische, soziale und familienrechtliche Abhilfe geben muss, egal auf welchem fragwürdigen Weg.

Viele sehen darin ein neues Stadium der Verwirklichung „reproduktiver Freiheit“. Besser trifft es aber Sibylle Lewitscharoffs Wort vom „Fortpflanzungsgemurkse“.

Die Autorin ist Stellvertretende Direktorin der Katholischen Akademie in Berlin e. V. und dort zuständig für den Arbeitsbereich Politik und Gesellschaft.

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