Kein Frieden ohne Wahrheit

In seiner ersten „politischen Ansprache“ vor Diplomaten aus aller Welt knüpft Papst Franziskus an seinen Vorgänger Benedikt XVI. an und warnt vor der „Diktatur des Relativismus“ Von Guido Horst
Foto: dpa | Bietet sich der Politik als Gesprächspartner an: Papst Franziskus, hier mit Bundeskanzlerin Angela Merkel nach der Messe zur Amtseinführung am Dienstag.
Foto: dpa | Bietet sich der Politik als Gesprächspartner an: Papst Franziskus, hier mit Bundeskanzlerin Angela Merkel nach der Messe zur Amtseinführung am Dienstag.

Rom (DT) Die Armut in der Welt habe nicht nur eine materielle, sondern auch eine spirituelle Dimension. Das hat Papst Franziskus am Freitagmittag vor rund 170 am Vatikan akkreditierten Botschaftern der auswärtigen Staaten erklärt. Der Papst nutzte bei dieser ersten Begegnung mit dem Diplomatischen Korps wieder die Deutung seines Namens Franziskus, um das Programmatische herauszustellen, das er mit dieser Namenswahl verbindet.

Mit ausdrücklichem Bezug auf seinen Vorgänger, den „lieben und verehrten Benedikt XVI.“, mit dem er heute Mittag in der päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo zusammentreffen wird, sprach Franziskus dabei auch über die „geistliche Armut unserer Tage, die ganz ernstlich auch die Länder betrifft, die als die reichsten gelten“. Diese geistliche Armut sei das, was Papst Benedikt XVI. die „Diktatur des Relativismus“ genannt habe und „was jeden sein eigener Maßstab sein lässt und so das Zusammenleben unter den Menschen gefährdet“.

Mit Franziskus habe er den Namen einer Persönlichkeit gewählt, die über die Grenzen Italiens und Europas hinaus auch bei denen bekannt sei, die nicht den katholischen Glauben bekennen. „Wie viele Arme gibt es noch in der Welt!“, rief der Papst aus. „Und welchen Leiden sind diese Menschen ausgesetzt!

Nach dem Beispiel des heiligen Franziskus von Assisi hat die Kirche immer versucht, sich in jedem Winkel der Erde um die Notleidenden zu kümmern, sie zu behüten, und ich denke, dass Sie in vielen Ihrer Länder das großherzige Wirken jener Christen feststellen können, die sich engagieren, um den Kranken, den Waisen, den Obdachlosen und allen Ausgegrenzten zu helfen, und die so daran arbeiten, menschlichere und gerechtere Gesellschaften aufzubauen.“

Hatte es am Mittwoch bei der Audienz für die Delegierten der anderen christlichen Konfessionen sowie des Judentums, des Islams und anderer Religionen eine deutliche Verspätung gegeben, so betrat Papst Franziskus diesmal pünktlich um elf Uhr die „Sala Regia“ des Apostolischen Palastes, in der die Audienz für die Diplomaten stattfand. Ähnlich wie sein Vorgänger Benedikt XVI. hob Papst Franziskus in seiner ersten „politischen Ansprache“ hervor, dass es keinen wahren Frieden ohne Wahrheit geben könne. Franziskus von Assisi, so der Papst, habe gesagt: „Arbeitet, um den Frieden aufzubauen!“ Das sei ein weiterer Grund gewesen, den Namen dieses Heiligen anzunehmen. „Aber es gibt keinen wahren Frieden ohne Wahrheit!“, so Papst Franziskus vor den Botschaftern. Es könne keinen wahren Frieden geben, wenn jeder sein eigener Maßstab sei, wenn jeder immer und einzig sein eigenes Recht einfordern kann, ohne sich gleichzeitig um das Wohl der anderen zu kümmern, angefangen von der Natur, die alle Menschen auf dieser Welt verbindet.

Einer der Titel des Bischofs von Rom sei Pontifex, „das heißt Brückenbauer – Brücken zu Gott und zwischen den Menschen“. Er wünsche sich wirklich, so der Papst weiter, „dass der Dialog zwischen uns dazu beiträgt, Brücken zwischen allen Menschen zu bauen, so dass jeder im anderen nicht einen Feind, einen Konkurrenten sieht, sondern einen Bruder, den er annehmen und umarmen soll!“

Außerdem dränge ihn seine eigene Herkunft dazu, Brücken zu bauen: „Wie Sie wissen, kommt ja meine Familie aus Italien, und so ist in mir stets dieser Dialog zwischen Orten und Kulturen lebendig, die voneinander entfernt sind – zwischen dem einen und dem anderen Ende der Erde, die heute einander immer näherrücken, voneinander abhängig sind, es nötig haben, einander zu begegnen und wirkliche Räume echten Miteinanders zu schaffen.“

Grundlegend bei diesem Werk des Brückenbaus sei auch die Rolle der Religion, meinte der Papst in seiner Ansprache. Man könne nämlich keine Brücken zwischen den Menschen bauen, wenn man Gott vergesse. Doch es gelte auch umgekehrt: „Man kann keine wahre Verbindung zu Gott haben, wenn man die anderen ignoriert. Darum ist es wichtig, den Dialog zwischen den verschiedenen Religionen zu verstärken – ich denke besonders an den mit dem Islam –, und ich habe die Anwesenheit vieler ziviler und religiöser Autoritäten der islamischen Welt bei der Messe zu meiner Amtseinführung sehr geschätzt.“

Ebenso wichtig sei es, den Kontakt mit den Nichtgläubigen zu intensivieren, „damit niemals die Unterschiede, die trennen und verletzen, überhand nehmen, sondern bei aller Verschiedenheit doch der Wunsch überwiegt, wahre Bindungen der Freundschaft zwischen allen Völkern aufzubauen.“

Zu Beginn seiner Ansprache vor dem Diplomatischen Korps hatte der neue Papst die große Zahl der Staaten gewürdigt, die bereits diplomatische Beziehungen zum Heiligen Stuhl unterhalten, aber auch den Wunsch ausgedrückt, diese Zahl zu erhöhen: „Dass Sie so zahlreich erschienen sind, ist auch ein Zeichen dafür, dass die Beziehungen, die Ihre Länder mit dem Heiligen Stuhl unterhalten, erfolgreich sind, dass sie wirklich eine Möglichkeit zum Wohl der Menschheit darstellen.“ Das sei es, was dem Heiligen Stuhl am Herzen liege: das Wohl eines jeden Menschen auf dieser Erde!

„Und genau mit dieser Intention“, sagte Papst Franziskus, „beginnt der Bischof von Rom seinen Dienst, wobei er weiß, dass er auf die Freundschaft und die Zuneigung der Länder zählen kann, die Sie vertreten, und die Gewissheit hat, dass Sie diesen Vorsatz teilen.“ Zugleich sei es auch die Gelegenheit, einen Weg zu beginnen mit den wenigen Ländern, die noch keine diplomatischen Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl unterhalten und von denen „einige, denen ich von Herzen danke, bei der Messe zu meiner Amtseinführung zugegen waren oder Botschaften als Geste der Verbundenheit gesandt haben“.

Derzeit unterhält der Heilige Stuhl diplomatische Beziehungen zu 180 Staaten und Völkerrechtssubjekten, allerdings noch nicht mit der Volksrepublik China, Vietnam und Nord-Korea. Auch Saudi-Arabien und Afghanistan sind nicht mit einem Botschafter am Heiligen Stuhl vertreten.

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