Kanada

Kanada steht unter Schock

Grausige Funde bei kirchlichen Schulen. In Kanada wurden Gräber an einer ehemaligen katholischen Schule für Ureinwohner gefunden. Ein Schock für ein ganzes Land.

Justin Trudeau besucht ehemalige Internatsschule in Cowessess
Justin Trudeau, Premierminister von Kanada, legt einen Teddybär neben einer kleinen, in den Boden gesteckten Flagge auf dem Gelände einer ehemaligen Internatsschule nieder. Cowessess ist auch der Standort einer ehemaligen Internatsschule, wo im Vormonat mit Hilfe eines Bodenradar... Foto: Liam Richards (The Canadian Press/AP)

In der Nähe einer ehemaligen Wohnschule für Ureinwohnerkinder in Kamloops, British Columbia/Kanada, die von einem katholischen Orden betrieben wurde, entdeckten die Behörden Ende Mai dieses Jahres unmarkierte Gräber mit Kinderskeletten. Dies löste in den letzten Wochen in Kanada eine schmerzhafte und hitzige Debatte über die tragische Geschichte der Bundeswohnschulen (residential schools) insbesondere hinsichtlich der Rolle katholischer Organisation in diesem System aus. In der Folge wurden fünf katholische Kirchen niedergebrannt und weitere Kirchen beschädigt. Von wem ist unklar.

Viele Feierlichkeiten zum Canada Day (1. Juli) wurden abgesagt. Premierminister Justin Trudeau, ein getaufter Katholik und Führer der Liberalen Partei, forderte daraufhin eine offizielle Entschuldigung von Papst Franziskus. Die Entdeckung der sterblichen Überreste der 215 Kinder war ein Schock für das ganze Land und in den letzten Wochen wurden weitere unmarkierte Gräber entdeckt. Wie sich in der Debatte zeigt, hat nur eine kleine Minderheit der Kanadier eine gründliche Kenntnis der Geschichte der Bundeswohnschulen. Zum besseren Verständnis ist ein Blick in die kanadische Geschichte ratsam.

Lange Geschichte

Kanada wurde 1867 als Konföderation gegründet, aber seine europäischen Wurzeln reichen bis ins frühe 17. Jahrhundert zurück, als französische Entdecker einige Siedlungen und Handelsposten gründeten. Bereits 1610 bat Großhäuptling Membertou darum, von französischen Priestern getauft zu werden und bis heute sind ein Drittel aller Ureinwohner katholisch. Die Franzosen hatten ein freundschaftliches Verhältnis zu den Ureinwohnern, das zu guten Handelsbeziehungen und Allianzen gegen die Engländer, aber auch zu weit verbreitetem Katholizismus unter den Ureinwohnern führte.

Die teilweise Vertreibung der französischen Siedler durch die Engländer während des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) war auch für ihre indigenen Brüder und Schwestern traumatisch und verhängnisvoll. In der Folge wurden viele Verträge zwischen den First Nations und der britischen Krone von den Behörden gebrochen. In deren Augen zeigte die erste Volkszählung des Landes im Jahr 1871 mit einer Bevölkerung von 3,7 Millionen und mittlerweile geringem Ureinwohneranteil, dass das zweitgrößte Land der Welt im Grunde leer sei.

Während das System der Bundeswohnschulen für Ureinwohner offiziell 1883 begann, können die Ursprünge in die 1830er Jahre zurückverfolgt werden, als die Anglikanische Kirche eine solche Schule in Brantford, Ontario, gründete. Es wird geschätzt, dass insgesamt 150 000 Kinder im Alter zwischen drei und 16 Jahren bis 1996 Bundeswohnschulen zu besuchen hatten. Von den 139 Bundeswohnschulen, die im Indian Residential School Settlement Agreement von 2006 identifiziert wurden, waren 46 Prozent (64 Wohnschulen) in katholischer Trägerschaft; die anderen wurden von der Anglikanischen Kirche, der United Church und den Presbyterianern betrieben. 

Werkzeug zur Assimilation

 Der diesbezügliche Bericht der kanadischen Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) wurde 2015 eröffentlicht und die Zahl der verstorbenen Kinder wurde zuletzt auf mindestens 4 100 aktualisiert. Aufgrund der schlechten Aufzeichnungslage durch Kirchen und die kanadische Bundesregierung werden wir wohl nie die gesamte Todeszahl dieser Kinderleben erfahren. In Fällen, in denen die Todesursache gemeldet wurde, war Tuberkulose die dominierende Todesursache und stellte etwa die Hälfte aller Todesfälle in Bundeswohnschulen dar. Die nächsten Todesursachen waren Lungenentzündung und Grippe. Die unterernährten Schüler waren besonders anfällig für Krankheiten. Aufgrund der Unterfinanzierung des Systems durch die kanadische Bundesregierung waren Lebensmittel knapp und von schlechter Qualität. Die hohen Sterbezahlen hielten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts an, bis sie schließlich gleich mit der allgemeinen Bevölkerung lagen.

Was eine Einrichtung für die Bildung von Kindern von indigenen Familien und Gemeinschaften sein sollte, erwies sich als Werkzeug der erzwungenen Assimilation aller Ureinwohner in die Moderne. Es gab eine lange Periode, in der die Behörden, zusammen mit der kanadischen Bundespolizei, zu den Häusern indigener Familien gingen, um die Kinder teilweise gewaltsam wegzunehmen. In den Schulen angekommen, erlebten die Kinder oftmals weitere körperliche und seelische Gewalt. Laut dem Bericht der TRC wurden Eltern häufig nicht über den Tod eines Schülers informiert, und die Leichen von Schülern, die in Bundeswohnschulen starben, wurden selten nach Hause geschickt, es sei denn, ihre Eltern konnten sich den Transport leisten.

Säkularisiert aber nicht verbessert

Die letzte von der katholischen Kirche geleitete Bundeswohnschule wurde 1969 an die kanadische Regierung übergeben, als Pierre Elliot Trudeau von 1968 bis 1984 Premierminister war. Er säkularisierte das System, aber veränderte es nicht. Trudeau Senior., Vater des jetzigen Premiers,  setzte sich für die rigorose Assimilation indigener Völker in die kanadische Gesellschaft ein, was aber auch bedeutet hätte, dass die Ureinwohner nach mehr als hundert Jahren der Unterdrückung sogar noch ihre wenigen Privilegien und ihren rechtlichen Sonderstatus verloren hätten.

Im Jahre 2008 entschuldigte sich der damalige Premierminister Stephen Harper,  von der Konservativen Partei im Unterhaus und kündigte die Schaffung der TRC an. Nach einer Zeit des kontinuierlichen Dialogs mit der katholischen Kirche wurden im Jahre 2009 eine Delegation der Versammlung der First Nations von Papst Benedikt XVI. im Vatikan empfangen. Medienberichte, die indigene Teilnehmer an der Begegnung mit dem Heiligen Vater zitierten, deuteten darauf hin, dass seine Worte als Entschuldigung angenommen wurden. Angesichts der jüngsten Entwicklungen wird sich Papst Franziskus vom 17. bis 20. Dezember 2021 im Vatikan mit einer kanadischen Delegation indigener Ältester und Betroffener treffen.

Was die kanadische Bundesregierung anbelangt, so bleibt die Situation unklar. Eine Gruppe indigener Anwälte hat kürzlich den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) ersucht, eine Untersuchung des Systems der Bundeswohnschulen einzuleiten. Sollte der IStGH eine Strafverfolgung beschließen, würde es ein Verfahren gegen Kanada geben. Dies wäre ein politisches Erdbeben.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Hier kostenlos erhalten!