Jugendliche haben Gewalt sexualisiert

Professor Rudolf Egg, Leiter der Kriminologischen Zentralstelle Wiesbaden, zu den Übergriffen auf Ameland Von Alexander Riebel
Auf Ameland kam es zu sexuellen Übergriffen Jugendlicher auf Jugendliche. Warum werden jetzt Teenager zu Sexualtätern?

Sexualität ist die intimste Form der menschlichen Begegnung. Aber damit auch die empfindlichste Stelle, an der man Menschen – abgesehen von einer schweren körperlichen Verletzung – seelisch demütigen und verletzen kann. So finden sich zum Beispiel im Verlauf oder nach kriegerischen Auseinandersetzungen Massenvergewaltigungen wie im Serbienkrieg oder im Zweiten Weltkrieg in Berlin von Personen, die keine Sexualstraftäter im klassischen Sinne sind. Auch unter Jugendlichen gibt es Demütigungen. Dass sie das in eine sexualisierte Form bringen, ist zwar etwas Seltenes, aber es muss nicht besagen, dass das Personen sind, schon gar nicht alle, die sexuell gestört sind. Sondern sie sexualisieren gewissermaßen Gewalt.

Spielt auch die Sexualisierung der Gesellschaft als Motivation eine Rolle?

Wenn Sie damit meinen, dass es einen sehr viel leichteren Zugang gibt zu sexuell abweichenden Darstellungen und Pornographie, würde ich als Psychologie sagen, dass es eine Sexualisierung der Gesellschaft so gar nicht gibt, denn Menschen sehen das nach wie vor als Tabu-Bereich und sind da ängstlich, scheu und sprechen bestimmte Dinge gar nicht an oder aus. Aber Sie meinen die öffentliche Darstellung und Vermarktung von Sexualität. Das spielt eine Rolle, ist aber nicht die eigentliche Ursache. Das heißt, die Wut oder Ablehnung gegenüber einem Mitschüler kommt nicht von diesen Filmen, sondern aus den sozialen Konflikten, die die Jugendlichen schon mitgebracht haben in dieses Ferienlager. Es wäre meine Vermutung, dass man diese bizarre demütigende Form aus Filmen kennt und eben weiß, dass das besonders verletzend ist. Man kann jemanden tief verletzen, ohne ihn körperlich verletzen zu müssen, was für einen Dritten dann auch nicht so erkennbar ist.

Sind solche sexuellen Übergriffe in diesem Alter eher selten oder kommen sie in Schulen und Ferienlagern häufiger vor?

Dass es so in die Öffentlichkeit dringt, ist schon eher selten, und zwar weil die Täter sowieso, aber auch die Opfer, das nicht unbedingt nach außen bringen. So massive Übergriffe dürften aber, das wissen Pädagogen oder Beratungsstellen, in dieser Form etwas Seltenes sein. Dass es in Ferienlagern häufiger ist als etwa im schulischen Alltag, dürfte seinen Grund in der leichteren Durchführbarkeit haben.

Wie können solche Taten sicher im Vorfeld erkannt werden?

Das ist schwer zu beantworten. Man braucht eine entsprechende, allgemeine aber auch spezielle Erfahrung mit diesen Jugendlichen. Aber ein guter Pädagoge hat schon ein Gespür für so etwas. Und wenn er dann noch den Mut hat, einzugreifen, hilft es den Opfern.

Wird der Schock bei den Opfern für immer bleiben?

Dass der Schock für immer bleiben wird, das muss man nicht befürchten. Dazu war es dann doch zu kurzzeitig. Von einer sehr langen Traumatisierung muss man eher ausgehen, wenn sich das wiederholt, wenn es sich über Monate oder gar Jahre hinzieht.

Müssen die Täter therapiert werden oder waren es eher gruppendynamische Prozesse eigentlich unbescholtener Schüler?

Die Sexualisierung von Gewalt ist etwas, das man erzieherisch angehen müsste. Dass die Täter sexuell abweichend sind, dass sie also immer schon gewaltsame sexuelle Phantasien haben, würde ich prima vista nicht unterstellen. Einzeltäter wären gefährlicher einzustufen. Gewalt aus einer Gruppe heraus zu sexualisieren, muss nicht unbedingt eine hohe Gefährlichkeit indizieren. „Gruppendynamische Prozesse“ ist eine gute Beschreibung.

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