Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes

Patriotismus und Vaterlandsliebe – das sind Begriffe, die in Deutschland bei vielen Menschen keinen guten Klang haben. Verständlich nach den schrecklichen Jahren der braunen Tyrannei Hitlers. Ein übersteigertes Nationalgefühl, gefühlte Überlegenheit auch gegenüber anderen Nationen und ihren Menschen – das wollen wir hierzulande nie wieder haben. Aber gesunder Patriotismus, die Liebe zum eigenen Land und seiner Kultur? Ist das wirklich nicht kompatibel mit dem christlichen Glauben? Von Klaus Kelle
Patriotismus
Foto: dpa | Das waren noch Zeiten: Jubelnde Fußballfans in Berlin.

Es sind nur noch wenige Wochen bis zum nächsten Katholikentag in Münster. Katholikentage? Das waren noch in den 80er Jahren Heerschauen des deutschen Katholizismus, wo jeweils mehr als 100 000 vorwiegend junge Leute teilnahmen, und wo Bischöfe mit rauschendem Beifall bedacht wurden, wenn sie plötzlich in einer Messehalle auftauchten.

Kann unsere Kirche, kann das Christentum politisch sein? Sie müssen es sogar, und sie waren es schon immer, wenn wir etwa an die großen Debatten um die Freigabe der Massentötung ungeborenen Lebens in den 70er Jahren in Deutschland denken.

Die katholische, und die evangelische Kirche sogar deutlich früher, haben sich immer politisch eingemischt – im Kleinen wie im Großen. Bei der sogenannten „Befreiungstheologie“ marschierten Priester Seite an Seite mit gottlosen Marxisten, um die Lebensverhältnisse der Armen in Lateinamerika zu verbessern. Und sie schreckten nicht einmal zurück, als bekannt wurde, wie menschenverachtend die vermeintlichen Freiheitskämpfer waren, die hemmungslos mordeten. Sowohl linke Terroristen für ihre vermeintlich gute Sache, als auch die rechten Todesschwadronen, die etwa am 24. März 1980 den inzwischen seliggesprochenen Erzbischof Oscar Arnulfo Romero in El Salvador während des Gottesdienstes am Altar erschossen. Der war ein Kämpfer gegen Armut und Ungerechtigkeit und gegen die Regierung seines eigenen Landes.

Kampf für Gerechtigkeit, Kampf für die Freiheit – das sind hehre Ziele, für die gläubige Christen in der Geschichte immer wieder in den politischen Kampf gezogen sind. Aber wie ist es mit dem Patriotismus? Wie ist es mit konservativen oder gar „rechten“ Überzeugungen, wie immer man „rechts“ in der politischen Auseinandersetzung definieren will?

47 Theologen forderten Ende März öffentlich, den kirchenpolitischen Sprecher der rechtskonservativen AfD, Volker Münz, vom geschrumpften Großtreffen der deutschen Katholiken in Münster auszuladen. Münz, übrigens evangelischer Christ und alles andere als das, was man sich unter einem „Rechten“ vorstellt, will man den Diskurs verweigern. Hätte Jesus Christus das auch getan? Oder ist in der modernen, hippen und bunten Kirche für Patrioten kein Platz mehr? Wäre Jesus auf solche Menschen zugegangen, hätte er ihm zugehört, ihn ermahnt, vielleicht ihm mit klaren Ansagen den Kopf gewaschen? Kaum vorstellbar, dass Jesus Christus einem Menschen, der zu ihm kommt, die Tür gewiesen hätte.

Patriotismus und Vaterlandsliebe – das sind Begriffe, die in Deutschland bei vielen Menschen keinen guten Klang haben. Und das ist verständlich nach den schrecklichen Jahren der braunen Tyrannei Hitlers in Deutschland Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Ein übersteigertes Nationalgefühl, gefühlte Überlegenheit auch gegenüber anderen Nationen und ihren Menschen – das wollen wir hierzulande nie wieder haben. Aber gesunder Patriotismus, die Liebe zum eigenen Land und seiner Kultur? Ist das wirklich nicht kompatibel mit dem christlichen Glauben? Getreu nach Donald Trump zu sagen: Deutschland zuerst! Erst um die eigenen Leute kümmern und danach dann EU, Vereinte Nationen und das, was andere Länder wollen?

Christen denken so nicht. Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes, geformt nach seinem Ebenbild. So haben wir es gelernt. Wer jemand ist, was er ist, woher er kommt und wo er lebt – für uns Christen ist das grundsätzlich erst einmal egal.

Der unvergessene Papst Johannes Paul II. beschäftigte sich mit der Frage der Nation, als er am 2. Juni 1980 in Paris vor der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) sprach und unter anderem sagte: „Die Nation ist in der Tat die große Gemeinschaft der Menschen, die geeint sind durch verschiedene Bande, aber vor allem gerade durch die Kultur. Die Nation besteht durch die Kultur und für die Kultur. Sie ist deshalb die große Erzieherin der Menschen zu dem, was sie mehr sein könnten in der Gemeinschaft.“

Eindringliche Worte des Heiligen Vaters, der aus Polen stammte, und mit seiner Kirche eine herausragende Rolle beim Zusammenbruch des Kommunismus in seiner Heimat und in der Folge in ganz Osteuropa spielte. Der immer geistlich dabei war, als die Werftarbeiter von Danzig aufbegehrten und unter polnischen Nationalflaggen und großen Porträts ihres Papstes für Reformen in Polen, für einen eigenständigen Weg ohne Gängelung durch Moskau stritten.

Die Nation, erklärte Johannes Paul II. in Paris weiter, sei die Gemeinschaft, die eine Geschichte besitze und gleichzeitig über die Geschichte des Individuums und der Familie hinausgehe. Es sei „jene Gemeinschaft, die die Familie ihr Erziehungswerk beginnen lässt, und zwar angefangen bei der Sprache“.

Der Papst dann weiter: „Ich bin Sohn einer Nation, die im Lauf ihrer Geschichte die meisten Erfahrungen damit machte, dass ihre Nachbarn sie zum Tod verurteilt haben, zu wiederholten Malen, die aber überlebt hat, sie selbst geblieben ist. Sie hat ihre Identität bewahrt und sie hat trotz der Teilungen und fremden Besatzungen nationale Souveränität bewahrt, indem sie sich nicht auf die Mittel physischer Gewalt gestützt hat, sondern einzig und allein auf ihre Kultur.“ Waren diese Worte nicht ein tiefer Ausdruck der patriotischen Gesinnung des Heiligen Vaters aus Polen?

Es gebe eine „fundamentale Souveränität der Gesellschaft, die sich in der Kultur der Nation manifestiert. Es geht um die Souveränität, durch die gleichzeitig der Mensch höchster Souverän ist.“

Die Identität eines Volkes, die Liebe zu Vaterland und Kultur, für Johannes Paul II. war das die Kehrseite einer Medaille. Die andere Seite war der Glaube an Gott.

In Paris lebt auch Barbara Victor, 15 Jahre lang Nahost-Korrespondentin des US-Fernsehsenders CBS; sie wurde sogar einmal für den Pulitzer-Preis nominiert.

In ihrem Buch „Beten im Oval Office“ schreibt sie: „In Amerika kann man nicht an Gott glauben, ohne auch an die Nation zu glauben. Gott und der Patriotismus treten bei uns immer zusammen auf.“ Auch wenn sich viele Europäer und darunter vor allem viele Deutsche einen solchen natürlichen Zusammenhang schwer vorstellen können, ist das in God's own Country fast schon eine natürliche Symbiose.

Dazu gehören Sternenbanner an Kirchengebäuden, dazu gehört das Kreuz bei politischen Versammlungen.

US-Fernsehprediger mischen sich vornehmlich auf Seiten der Konservativen in die großen politischen Auseinandersetzungen ein. Die Kraft und letztlich die Macht, die aus dieser Bewegung entsteht, wurde erstmals Anfang der 80er Jahre sichtbar, als Jerry Falwell, ein baptistisch gesinnter Fernsehprediger, seine „Moral Majority“ (Moralische Mehrheit) begründete, eine christliche Bewegung, eine Lobbygruppe, die ausgehend vom Süden der USA Christen mobilisierte und organisierte, um den früheren Schauspieler und Gouverneur Kaliforniens Ronald Reagan ins Weiße Haus zu bringen. Reagan, ein glühender Patriot, gewann, belächelt vom Establishment. Und er gewann mit Falwells Unterstützung haushoch. Getragen vom Rückenwind der Christen im Land. Die wollten christliche Werte zurück in die Tagespolitik bringen. Sie engagierten sich gegen praktizierte Homosexualität, kämpften für die traditionelle Familie, das tägliche Schulgebet und ein striktes Verbot von Abtreibungen.

Mit ihren Kampagnen mobilisierten sie Millionen Christen für Massenbriefsendungen an Abgeordnete und Medien und für große Spendenaktionen, die die Wahlkampfkassen christlicher Kandidaten füllten – sowohl bei den Demokraten als auch bei den Republikanern.

Heute gibt es keine Moral Majority mehr in den Vereinigten Staaten, aber durchaus finanzkräftige Stiftungen, Denkfabriken und christlich bewegte Unternehmer, die mit Millionen Dollars „ihre Kandidaten“ unterstützen, nicht zuletzt, um die politische Agenda von einst heute wieder aufleben zu lassen in der Supermacht, die in ihren Augen immer gottloser geworden ist.

Und so sorgte Präsident George W. Bush einst für Aufsehen, als er sein Kabinett vor jeder Sitzung der US-Regierung fernsehtauglich beten ließ. Und Donald Trump, Überraschungssieger der Präsidentschaftswahlen 2016, verdankt Analysen zufolge seinen Wahlsieg deutlich der starken Unterstützung der amerikanischen Christen.

Die Autorin Barbara Victor stellt dazu fest: „Die politische Wirkung von Fernsehgottesdiensten hat zugenommen mit einer neuen Generation rechtskonservativer Prediger, die klug und gut organisiert sind und etwa 90 Millionen US-Bürgern eingehämmert haben: Fromm sein heißt, eine politische Agenda zu haben.“

In den säkularen Kulturen des Westens ist der christliche Glaube heute deutlich auf dem Rückzug. Den Platz, den er selbst durch seine Lethargie und dem Frönen des Materiellen geräumt hat, nehmen jetzt vielerorts Muslime ein, bauen Moscheen, kämpfen darum, dass unsere Traditionen und Regeln in den Hintergrund gedrängt werden. Und auch dabei helfen wir selbst nach Kräften, indem wir vorauseilend Kreuze in Schulgebäuden abhängen, bei Kindergartenfesten keine Schweinswürstchen mehr grillen, Frauenbadetage im Freibad einrichten und den St.-Martins-Umzug zum Lichterfest degenerieren.

Es ist fast ein Treppenwitz der Geschichte, dass nun genau all das wieder dazu führt, dass in westlichen Ländern zunehmend Patriotismus wieder modern wird – und das nicht nur, wenn eine Fußballweltmeisterschaft ansteht. Der politische Islam zwingt uns gerade dazu, dass wir uns im Westen und insbesondere im säkularen Deutschland wieder mit unserer eigenen Identität beschäftigen. Und was wir da entdecken ist erstaunlich und erfreulich. Unsere Identität als Deutsche ist christlich-jüdisch geprägt. Und nichts anderes.

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