Ja zur Unabhängigkeit

99 Prozent der Wähler sprachen sich für einen selbstständigen Südsudan aus – Doch der steht vor gewaltigen Problemen. Von Carl-H. Pierk
Foto: dpa | Die Menschen feiern am Sonntag das – vorläufige – Ergebnis des Referendums.
Foto: dpa | Die Menschen feiern am Sonntag das – vorläufige – Ergebnis des Referendums.

Der Ausrufung eines unabhängigen Staates Südsudan steht so gut wie nichts mehr im Wege. Fast 99 Prozent der Südsudanesen sprachen sich in einer Volksabstimmung über die Zukunft ihres Landes für einen eigenen Staat aus. Nach dem am Sonntag in der südsudanesischen Hauptstadt Juba vorgestellten vorläufigen Ergebnis votierten 3, 8 Millionen Wähler (98, 8 Prozent) für die Unabhängigkeit. Nur knapp 45 000 Südsudanesen waren für einen geeinten Sudan mit dem Norden. Das Ergebnis wurde bei einer Zeremonie in Juba in Anwesenheit des Präsidenten der bislang halbautonomen Region, Salva Kiir, offiziell verkündet. Abweichungen vom endgültigen Wahlergebnis, das in wenigen Tagen veröffentlicht werden soll, dürften nur minimal sein.

Im Juli könnte Afrikas 54. Staat entstehen

Nach mehr als 20 Jahren kriegerischer Konflikte zwischen Nord und Süd und mehr als zwei Millionen Opfern hatte das Friedensabkommen von 2005 den Weg zu Wahlen und einer Volksabstimmung geebnet, in der die Südsudanesen über ihre Zukunft entscheiden konnten. Im Januar nahmen fast 90 Prozent der vier Millionen Wahlberechtigten am Referendum teil und stimmten für die Unabhängigkeit. Nach dem bisherigen Zeitplan entstünde dann am 9. Juli Afrikas 54. Staat. Der Sudan, mit 2, 5 Millionen Quadratkilometer Afrikas größter Flächenstaat, würde dann etwa ein Viertel seines Territoriums verlieren. Von den 42 Millionen Sudanesen gehören acht Millionen zum Süden.

Die Menschen jubeln bereits über ihre Freiheit. Doch bei aller Euphorie werden oft die Schwierigkeiten und Probleme übersehen, die nach der Abspaltung vom Norden nicht weniger werden dürften. Schon sind die Preise für Grundnahrungsmittel im Südsudan seit dem Referendum um etwa 50 Prozent gestiegen. Grund dafür sind die schrumpfenden Importe aus dem Norden, verminderte Getreidelieferungen von umliegenden Ländern und reduzierte Subventionen. Doch das Land von der Größe Frankreichs steht vor anderen großen Herausforderungen, vor allem mit Blick auf die Infrastruktur. Es gibt kaum Straßen, Krankenhäuser und Schulen fehlen ebenfalls. Weniger als die Hälfte der Bevölkerung hat Zugang zu sauberem Trinkwasser. Tausende Flüchtlinge wollen zudem aus dem Norden in ihre Heimat zurückkehren. Grund dafür ist auch die wachsende Befürchtung einer Islamisierungspolitik des sudanesischen Präsidenten Omar al-Baschir mit steigender Intoleranz gegenüber Christen und anderen Minderheiten.

al-Baschir will das Votum des Südens respektieren

Die Menschen, die nach jahrelanger Flucht in ihre südsudanesische Heimat zurückkehren, stehen vor dem Nichts. Ihre Dörfer und Schulen sind zerstört, ihre Felder verwüstet. Mit leeren Händen und einfachsten Werkzeugen fangen sie an, sich eine neue Existenz aufzubauen. Versöhnung zwischen den politischen Gruppen des Landes und dem Abbau der Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft ist der Beginn der Zukunft. Diesen Appell richtete der Bischof der südsudanesischen Diözese Rumbek, Cesare Mazzolari, an die Menschen im Sudan nach dem Volksentscheid. „Eine neue südsudanesische Regierung müsste zum Wohle der Gemeinschaft vor allem ein hohes Maß an Vergebung aufbringen“, fügt der Bischof hinzu. Nach den Rivalitäten zwischen Dinka und Nuer käme es nach sechs Jahren der Stagnation nun darauf an, für die Ärmsten Afrikas Straßen, Schulen und Krankenhäuser zu bauen. Dafür sei die Einrichtung internationaler und privater Körperschaften unabdingbar, erklärte der Bischof gegenüber dem Pressedienst der päpstlichen Missionswerke Misna.

Eine entscheidende Frage: Wie teilt man ein Land, in dem die zu trennenden Gebiete kulturell verschieden und wirtschaftlich aufeinander angewiesen sind? Der Süden ist arm, doch er ist reich an Öl. Letztendlich hängt die politische Stabilität davon ab, in welchem Maß regelmäßige und verlässliche Öleinkommen erwirtschaftet werden können, zumal der Süden im Ölsektor auf absehbare Zeit auf den Norden angewiesen ist. Lange Zeit war befürchtet worden, dass der sudanesische Staatschef al-Baschir eine Abspaltung des ölreichen Südens nicht akzeptieren würde. Inzwischen hat er versichert, der Norden werde das Ergebnis der Abstimmung respektieren und gute Beziehungen zum Süden anstreben. Innenpolitisch indes gerät al-Baschir wegen der absehbaren Teilung des bisher größten Landes Afrikas zunehmend unter Druck. Nach dem Vorbild Tunesiens und Ägyptens schwappt die Protestwelle weiter nach Süden: Mehr als tausend Menschen sind am Sonntag gegen Präsident Omar al-Baschir auf die Straße gegangen. Sie forderten, Baschir vom Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag aburteilen zu lassen. Das Haager Gericht hatte einen Haftbefehl gegen Baschir erlassen, unter anderem wegen Kriegsverbrechen in der Bürgerkriegsregion Darfur.

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