Berlin

Islamismus an den Schulen bekämpfen

Der Islamwissenschaftler Michael Kiefer fordert von Bund und Ländern mehr Mittel zur Bekämpfung von Islamismus an Schulen. In NRW wird derweil über islamischen Religionsunterricht verhandelt. Liberale muslimische Stimmen kommen dabei aus Sicht von Kritikern zu wenig zu Wort.
Islam an deutschen Schulen
Foto: Frank Rumpenhorst (dpa) | In NRW berät eine Kommission darüber, welche Inhalte im islamischem Religionsunterricht vermittelt werden sollen. Dort sind vor allem Vertreter der konservativen Islamverbände vertreten.

Islamistische Haltungen und Vorfälle mit muslimischen Schülerinnen und Schülern stellen nicht an allen Schulorten ein Problem dar. Aber es gibt zum Teil gravierende Probleme.“ Das stellt der Islamwissenschaftler Michael Kiefer in einem Positionspapier der Konrad-Adenauer-Stiftung fest. Er fordert von Bund und Ländern mehr Mittel für die Bekämpfung von Islamismus an Schulen.

Mit der Ermordung des französischen Lehrer Samuel Paty hat in Deutschland die Diskussion um die Radikalisierung und auf Konfrontation ausgerichtete Religionsausübung von muslimischen Schülern wieder begonnen. Selbst dort, wo Schüler eigentlich freundlich miteinander umgehen, kommt es zu harten Auseinandersetzungen und religiösen Konflikten. In einer multikultureller werdenden Gesellschaft werden auch die Klassenzimmer vielfältiger. So entstehen aus unterschiedlichen Sichtweisen und Erfahrungen schnell persönliche Anfeindungen.

Oft sind harmlos erscheinende Anlässe die Ursache

Dabei geht es schon lange nicht mehr allein um die kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien, das Schreckensregime des IS, den Dauerkonflikt zwischen Israel und Palästina oder den Streit zwischen Türken und Kurden.

Oft sind harmlos erscheinende Anlässe die Ursache für Schlägereien und Gruppenkämpfe. In Berlin gibt es inzwischen Schulen, die einen Sicherheitsdienst engagieren, um der Lage Herr zu werden. Jugendspezifische Aspekte, einschneidende Lebensereignisse, Gruppeninteraktionen und islamistische Agitation fördern nach den Beobachtungen von Michael Kiefer die wachsende  Radikalisierung. Bei jungen Menschen mit einer Migrationsgeschichte beginnt die Radikalisierung oft in der Heimat.

Der Psychologe und Bestseller-Autor Ahmad Mansour ist als Kind einer arabischen Familie in Israel aufgewachsen. In einem Interview mit dem Deutschlandradio berichtet er, wie er durch den Kontakt zu einem fundamentalistischen Imam zum Islamisten wurde. „Am Anfang war das alles harmlos, es ging um den Koran, Geschichte und Hocharabisch. Und langsam haben wir dann angefangen, über die anderen zu reden, über die, die Alkohol trinken oder kein Kopftuch tragen.“ Mansour hat es geschafft, der Islamismusfalle zu entkommen und engagiert sich für Toleranz und gegen Radikalisierung. Er sieht, wie auch Michael Kiefer, in der Schule einen zentralen Ort der Prävention.

Handlungsprinzip der "Neuen Autorität"

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Kiefer hält das von dem Psychologen Haim Omer entwickelte Handlungsprinzip der „Neuen Autorität“ für zielführend; es richtet sich an Eltern, die mit ihren schwer verhaltensauffälligen Kindern überfordert sind. Das zentrale Ziel der Methode ist es, Erziehende darin zu unterstützen, ihre Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit wiederzuerlangen. Die Maxime lautet: „Wir geben dir nicht nach, und wir geben dich auch nicht auf!“

Die „Neue Autorität“ ruht auf drei Säulen: der physischen Präsenz der Erziehenden im Alltag ihrer Anvertrauten, der inneren Überzeugung von der Richtigkeit eigenen Handelns und der Fähigkeit zur Kooperation.

Der Islamische Religionsunterricht könnte ein wichtiges Instrument gegen Radikalisierung sein. Diese Vermutung wird durch die Feststellungen einer Studie des Forschungsnetzwerks Radikalisierung und Prävention (FNRP) gestützt. Sie ist zu dem Ergebnis gelangt, dass  junge Menschen, die in gewaltaffine islamistische Milieus abgerutscht sind, nicht selten über nur sehr geringe Kenntnisse der islamischen Religion verfügen. Ein sachlich aufklärender, die Theologie vermittelnder Unterricht könnte also dazu beitragen, eine Radikalisierung zu vermeiden und die Wertschätzung gegenüber anderen Religionen zu erhöhen.
Dazu ist es erforderlich, dass die Inhalte des Unterrichts so abgestimmt werden, dass sie diesen Zielen dienen können. Die nordrhein-westfälische Landesregierung hat in der Vergangenheit immer wieder betont, dass sie mit der Unterstützung liberaler muslimischer Kräfte den Islamischen Religionsunterricht an ihren Schulen reformieren wolle. Auf diesem Weg scheint sie gescheitert zu sein.

Islamwissenschaftlerin übt Kritik

Von den lautstarken Versprechungen des Integrationsministers Joachim Stamp (FDP) und der Kultusministerin Yvonne Gebauer  (FDP) ist nicht viel übrig geblieben. Das kritisiert auch die Islamwissenschaftlerin und Lehrerin für Islamischen Religionsunterricht Lamya Kaddor im Gespräch mit der „Tagespost“. „Insbesondere die Zusage, auch liberale Gruppierungen in die Kommission zu berufen, die das Land eingesetzt hat, um über die Inhalte des islamischen Religionsunterrichts mit zu entscheiden, ist nicht eingehalten worden.“

In dem Bundesland gebe es mit dem Liberalen Islamischen Bund zumindest eine Organisation, die ein solches Profil hat. „Allerdings fehlt der Landesregierung offenbar der Mut, formale Bedenken zu überdenken und die Kommission breiter zu besetzen und damit das angekündigte Vorhaben endlich in die Tat umzusetzen“, bemängelt Kaddor. Schließlich suche man auch den Dialog mit Gruppierungen wie der DITIB, die erheblich in der Kritik stünden.

Immerhin gehe es darum, in der Kommission die Lehrinhalte festzulegen, die sich unmittelbar auf die Vermittlung von Inhalten im Unterricht auswirken. Und da gebe es in bestimmten Bereichen durchaus unterschiedliche Bewertungen zwischen konservativen und liberalen Muslimen. „Da geht es beispielsweise um Themen wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder den Bezug zum Lebensalltag von Schülern, bei dem auch liberale Jugendliche sich wiederfinden müssen. Weitere Konfliktthemen sind der Umgang mit gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften oder anderen Lebensformen, die im konservativen Islam als verpönt oder verboten gelten.“

Zögerliche Landesregierung?

Auch das problematische Verständnis von anderen Religionen als verfälschte müsse im Rahmen des IRU bearbeitet und hinterfragt werden. Kaddor hofft, dass in dieser Legislaturperiode in NRW noch etwas passiert, ist aber sehr skeptisch. „Ich erlebe die Landesregierung als sehr zögerlich, dabei wäre es für das Bundesland, in dem die meisten Muslime leben, angemessen, einmal mutig vorwärts zu gehen.“

Die Sicht auf die Lehre des Islams im Religionsunterricht dürfe nicht eindimensional bleiben. „Wir sprechen immer wieder über die Sorgen einer Radikalisierung junger Menschen, schaffen es aber nicht, den Islamischen Religionsunterricht und die für ihn zuständige Kommission ausgewogen zu gestalten.“ Dabei sei es auch im gesellschaftspolitischen Interesse, den progressiven Kräften im Islam, die es zweifellos in Deutschland gebe, eine Stimme zu verleihen.

Sicherlich haben Politik und Wissenschaft in den vergangenen Jahren Maßnahmen gegen die konfrontative Religionsausübung und den radikalen Islamismus entwickelt. In der Praxis wurde dabei deutlich, dass betroffene Schulen gut abgestimmte und langfristige Präventionskonzepte benötigen, beschreibt Kiefer in seiner Analyse. Diese Rezepte können nach Einschätzung des Experten aber nur erfolgreich sein, wenn ausreichende personelle Ressourcen in der Schulsozialarbeit und in den Lehrerkollegien vorhanden sind.

Eine Fokussierung auf ausgewählte Leuchtturmprojekte sind für den Islamwissenschaftler wenig zielführend. Michael Kiefer  hält vielmehr eine Stärkung der Regelstrukturen für notwendig.

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