Irak: Patriarch fleht um Hilfe

Kardinal: Papst wäre am liebsten selbst in den Irak gefahren – In Deutschland Debatte um verschärfte Ausweisungsregeln für Islamisten
Foto: dpa | Die Brutalität, mit der IS-Terroristen im Irak gegen Minderheiten wie Christen oder Jesiden vorgehen, sorgt auch in Deutschland für Proteste und Auseinandersetzungen.
Foto: dpa | Die Brutalität, mit der IS-Terroristen im Irak gegen Minderheiten wie Christen oder Jesiden vorgehen, sorgt auch in Deutschland für Proteste und Auseinandersetzungen.

Bagdad/Vatikanstadt/Bonn/Berlin (DT/dpa/KNA) Der chaldäisch-katholische Patriarch Louis Raphael I. Sako hat am Montag erneut einen dramatischen Hilfsappell für die von den islamistischen IS-Milizionären vertriebenen Christen an die Weltöffentlichkeit gerichtet. Nach Angaben des Patriarchen haben in Ankawa, der christlichen Vorstadt der kurdischen Hauptstadt Erbil (Arbela), rund 70 000 christliche Flüchtlinge Zuflucht gefunden, in der Distrikthauptstadt Dohuk rund 60 000. Andere Flüchtlinge hätten sich nach Kirkuk, Suleimaniah oder bis nach Bagdad durchgeschlagen. Wörtlich stellte der Patriarch fest: „Tod und Krankheit bemächtigen sich der Alten und der Kinder. Die Leute brauchen Unterkünfte, Nahrungsmittel, Wasser und Medikamente, aber die mangelnde Koordination der Hilfen der internationalen Gemeinschaft wirkt sich negativ aus. Die Kirche bietet alles auf, was ihr möglich ist.“ Generell sei die Lage der Flüchtlinge dramatisch und lasse eine noch schrecklichere Katastrophe befürchten. Der Patriarch dankte für die Hilfe des internationalen Hilfswerks „Kirche in Not“, das am 8. August neuerlich 100 000 Euro für die christlichen Flüchtlinge im Irak zur Verfügung gestellt hat.

Scharfe Kritik übt der Patriarch sowohl an der US-Politik als auch am Vorgehen der irakischen Machthaber. Die Entscheidung Barack Obamas, militärisch nur zur Verteidigung von Erbil zu intervenieren, sei enttäuschend, ebenso das Verlangen der US-Amerikaner nach Zusammenarbeit zwischen offizieller irakischer Armee und kurdischen Peschmerga-Einheiten als Voraussetzung für militärische Hilfe. Notwendig sei vielmehr die Vertreibung der IS-Milizionäre aus Mossul und aus der Ninive-Ebene mit ihren zahlreichen christlichen Kleinstädten und Klöstern. Louis Raphael I. Sako kritisiert aber auch die Unfähigkeit des Parlaments in Bagdad, sich auf einen neuen Regierungschef zu einigen. „Während das Land vom Vormarsch der IS bedroht ist, kämpfen die Politiker in Bagdad weiterhin um die Machtverhältnisse“, so der Patriarch wörtlich.

Die Nachrichten aus den Kleinstädten und Dörfern der Ninive-Ebene bezeichnet Louis Raphael I. Sako als „tragisch“. Die Kirchen seien „verwaist und entweiht“, fünf Bischöfe hätten ihre Bischofssitze verlassen müssen, Priester, Mönche und Nonnen könnten ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen. Die zügellose Gewalttätigkeit der IS-Milizionäre habe zahllose Dokumente und Manuskripte zerstört, von denen manche 1 500 Jahre alt waren.

Nach Einschätzung des päpstlichen Sondergesandten für den Irak wäre Papst Franziskus am liebsten selbst in das Land gereist. Das sagte Kurienkardinal Fernando Filoni nach einer Besprechung mit dem Papst am Sonntagabend laut Radio Vatikan. Die Fürsorge von Franziskus sei „sehr stark zu spüren“ gewesen, so Filoni, Präfekt der vatikanischen Missionskongregation. „Am liebsten wäre Papst Franziskus, denke ich, selbst gefahren, um vor Ort inmitten der armen Menschen zu sein.“ Am Sonntagabend hatte der Kardinal vom Papst persönliche Anweisungen für seine Irakreise entgegengenommen. Filoni war von Franziskus am Freitag zum Sondergesandten für den Irak ernannt worden. Der Süditaliener war von 2001 bis 2006 Vatikanbotschafter in Bagdad und gilt als einer der besten Kenner des Landes beim Heiligen Stuhl. Filoni soll zunächst nach Bagdad reisen, um dort Gespräche mit der irakischen Regierung zu führen. Anschließend ist ein Besuch der Autonomen Region Kurdistan vorgesehen, wo die meisten vor der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ geflohenen Christen Schutz gefunden haben. Dort will er mit Flüchtlingen sprechen und mit den örtlichen Bischöfen über Hilfsmaßnahmen sowie die Zukunft der Christen im Irak beraten.

Die katholische Kirche in Deutschland warnt vor einem neuen Flüchtlingsdrama im Mittleren Osten. Derzeit seien rund 300 000 irakische Christen auf der Flucht vor der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS), sagte der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Matthias Kopp, am Sonntag dem Sender WDR2. Sie stammten vor allem aus dem Nordirak, wo die Christen eine Zeit lang von den Kurden geschützt wurden, die aber inzwischen selbst nicht mehr Herr der Lage seien. „Es ist ein Drama“, sagte Kopp. Zu den US-Luftangriffen im Irak sagte der Sprecher der Bischöfe, „gerade in einer solchen dramatischen Situation wie mit der IS, wo solche Gewaltexzesse existieren“, sei „Gewalt wahrscheinlich nur als das letzte Mittel zu rechtfertigen“. Die katholische und die evangelische Kirche in Deutschland versuchten, durch ihre Hilfswerke wie die Diakonie-Katastrophenhilfe und Caritas International den Menschen im Irak zu helfen. Aber auch deren Partner vor Ort seien in den letzten Tagen massiv von der IS bedroht und teilweise überfallen worden.

Die gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen kurdischen Jesiden und Islamisten in Deutschland haben unterdessen eine neue Debatte über den Umgang mit Islamisten entfacht. Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) forderte ein Überdenken der Gesetze bei deutschen Rückkehrern aus islamistischen Kampfgebieten im Ausland. Potenzielle deutsche Islamisten könnten bei einem konkreten Verdacht auf terroristische Anschläge an der Einreise gehindert werden, sagte de Maiziere am Montag im MDRinfo. Ohne Verdacht und klare Nachweislage sei es bei einem nicht vorbestraften Deutschen aber schwierig. „Wir müssen darüber nachdenken, ob dort eine Änderung von Rechtslagen geboten ist.“ Es gebe eine Arbeitsgruppe der Innenminister von Bund und Ländern, ob man gegebenenfalls im Vorfeld einer Ausreise sogar den Personalausweis entziehen könne. Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), sprach sich klar für eine Verschärfung des Ausländergesetzes aus, um Islamisten leichter ausweisen zu können. „Wir dürfen nicht an der falschen Stelle tolerant sein“, sagte er der „Berliner Zeitung“ (Montag). Die Freiheitsrechte, die der Staat gewähre, dürften nicht benutzt werden, die freiheitlich-demokratische Grundordnung anzugreifen und gegen Andersgläubige zu hetzen. „Die Hürde für Ausweisung und Abschiebung ausländischer Staatsbürger liegt zu hoch“, sagte Bosbach. Dagegen wandte sich der innenpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion, Volker Beck, gegen eine Verschärfung der Regeln. „Der bunte Strauß an Forderungen aus der Union von Ausbürgerung bis Einreiseverweigerung zeigt, man will Stimmung machen und hat kein Konzept“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Montag). Stattdessen könnten Einschränkungen der Bewegungsfreiheit im Einzelfall eine geeignete Maßnahme zur Gefahrenabwehr sein.

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